Resension: Die Glocke von Whitechapel

Vorgestern hab ich mir für eine etwas längere Autofahrt den neuesten Teil Ben Aaronovitchs  Peter-Grant-Reihe (Achtung, Affinity link) besorgt und in einem Rutsch durchgehört. Ich gebs zu, damit habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, ist die Peter-Grand-Reihe auch Teil der #DiversityChallange2020, weil der Hauptcharakter Peter Grand und viele andere Nebenchars PoC sind.

Nun zum Plot: Im letzten Teil, Der Galgen von Tyburn, wurde der Gesichtslose Magier samt seinen Gehilfen, den Little Crocodiles, enttarnt. Nun gilt es, ihn zu finden und festzunehmen. Der wiederrum scheint es auf ein ganz großes abgesehen zu haben, für dass er eine magische Glocke, das Schwert Excalibur und den aus Die Flüsse von London bekannten Geist des Aufruhrs und Chaos, Mr. Punch, braucht.

Das Buch ist gut, zwar nicht der beste Teil der Reihe, aber gut. Gefallen hat (Achtung, Spoiler!) mir vor allem die Geschichte hinter Mr. Punch, die viel älter ist, als es im ersten Teil der Reihe erahnt wurde. Die Geschichte ist auch viel tragischer. Die Idee, dass zwei der Little Crocodiles die Hintergrundgeschichte in einem Drehbuch verraten (und deshalb sterben mussten), fand ich ja Top. Suchen in Bibliotheken, vergleichen von verschiedenen Quellen und rausfinden, was die eigentliche Geschichte hinter den Geschichten ist, gehört für mich zum Rollenspiel dazu. Hier kommt eine neue Quelle dazu und mein Gehirn rotiert schon um Ideen, wie ich so was in ein Abenteuer einbauen könne. Cool fand ich auch die Idee um Mr. Punch selbst natürlich auch. Blut, Römer, Bacchus und Boudicca… toll! Und aus der Sicht des Mr. Punch nachvollziehbar. In Ordnung geht die Elfenwelt und die Elfe Fingerhut (die zugleich das Geheimnis um Molly lüften kann).

Nicht so prickelnd fand ich den Endkampf, richtig unbefriedigend war das Ende des Gesichtslosen. In diesem Fall ist Happiness not a warm Gun. Neue Zaubersprüche, die Peter lernen muss oder die Welt weiter definierten, gibt es nicht. Aber dafür hat das Folly neue Mitarbeiter bekommen. Scheint, als holen die Briten endlich auf.

Fürs Rollenspiel jedenfalls lässt sich aus dem buch deutlich weniger herausarbeiten als aus den Vorgängergeschichten, was aber dem Lesespaß keinen Abbruch tut.

Rezension: Die Unvollkommenen

Wie tötet man einen Gott? Das ist die zentrale Frage des zweiten Teils von Theresa Hannings Die Optimierer. Die Heldin, Lila, erwacht, nachdem sie 5 Jahre in einem künstlichen Koma zubringen musste. As verurteilte Hochverräterin hat sie das Recht auf Bewährung, die sie in einem Internat (einem als Schlaraffenlang getarntem Gefängnis) an der Ostsee zubringen muss. Gemeinsam mit dem Entwickler der Basileus-Reihe flieht sie aus dem Internat, weird verhaftet und… landet in einer Spezialsiedlung in der Nähe von München. Dort erhält sie von Samson Freitag, dem zum Gott gewordenen Greist in der Maschine, dem Herrscher der BRE von Ewigkeit zu Ewigeit, den Auftrag, seine Mutter zu überreden, mit ihm, den universalem Geist, der dank Vollintegrität (Sehnerv-Chip, Gehörchip, Speicherplatzerweiterung und Emotionschip im Hirn) alle Menschen und Roboter steuert, der eine eigene Kirche aufgebaut hat, der allen Gläubigen ein Gelobtes Land verspricht, endlich wieder ein paar Worte zu wechseln. Viel zeit hat Lila nicht: nach einer Woche versagt die künstliche Lunge von Frau Freitag und wenn sie sie bis dahin nicht zum Reden gebracht hat, geht es ab ins Koma, diesmal für immer. Gleichzeitig planen gleich zwei Gruppen den Umsturz: Die Unvollkommenen(Achtung: Affinity Link) (Menschen, die nicht integriert sind und Samson Freitag ablehnen) und die Liga für Roboterrechte um Ercan Bösal (die die Roboter aus dem Joch Samsons befreien will). Egal ob (Anfangs auch) Lila, die Unvollkommenen oder die Liga, egal wie verschieden die Motive sind, sie alle sind sich einig: Gott Samson muss sterben. Aber wie tötet man ein allmächtiges Wesen?

 

Der Roman, den ich wieder mal als Hörbuch gehört habe, ist großartig geworden. Auf Amazon las ich eine Rezension, die meinte, die Unvollkommenen seien schwächer als die Optimierer. Das sehe ich anders. Hier werden nur andere Themen verhandelt. Ging es bei den Optimierern um eine Zukunft in einem Nanny-Staat und eine Warnung vor allzu viel Entscheidungskraft für Algorithmen, geht es hier um Selbstwirksamkeit, Selbstbestimmung, verdeckten Rassismus (Roboter gegen Menschen, Unvollkommene gegen Integrierte), Religion, Freiheit und eine Untergehende Welt (durch Klimawandel, Verteilungskämpfe und neuen Krankheiten). Hier werden die großen Fragen verhandelt. Darum ist das Buch gut. Aus rollenspielerischen Sicht ist das Buch auch super, vor allem wegen der Frage, wie man eine gottgewordene KI killen kann und ob man damit selbst zum Gott aufsteigt. Empfehlenswert.

 

Achja: Ich finde, das Buch sollte man auf die Liste für die #DiversityChallenge2020 aufnehmen.

Darin geht es um die Themen Religionen/Spiritualität, Atheismus, Gesellschaftskritik (Rassismus, gegen Unvollkommene und Roboter), und Gender (PoV-Char ist eine Frau in ihren späten 30gern)

Ein perfekter Run… in der Realität: Der Fall Carlos Ghosn aus rollenspielerischer Sicht

Mich wundert, dass niemand aus der hochverehrten Rollenspieler-Blog-O-Sphere die Geschichte um den ehemaligen CEO von Renault-Nissan-Mitsubishi aufgegriffen und näher beleuchtet hat. Dabei wäre das ganze die perfekte Vorlage für einen Run in jedem Cyberpunk-System. Lasst uns also die Geschichte mal ausrollen, beleuchten und fürs Rollenspiel aufarbeiten.


Carlos Ghosn

Fangen wir mal mit der Hauptfigur an. Carlos Ghosn ist christlicher Libanese und wurde 1954 in Brasilien geboren (daher die brasilianische Staatsbürgerschaft). Anfang der 60ger zog seine Familie zurück in die alte Heimat (libanesische Staatsbürgerschaft) und schickte ihren Spross auf eine französische Schule. In den 70gern studierte Carlos Ghosn dann in Paris (Ingeneurswissenschaften) und trat dann 1978 in die Dienste Michelins (hier holte er sich irgendwann Staatsbürgerschaft Nummer 3).

Für alle, die hier mitlesen und zu jung sind: Mitte-Ende der 90ger gabs weltweit eine Automobilkriese. Die Konzerne waren damals defizitär, hatten auf Halde produziert und kaum jemand wollte die Autos haben. 1996 kam Ghosn als EVP zu Renault und wurde 1999 zu Nissan als Sanierer geschickt. Nissan wurde ein paar Jahre zuvor von Renault für ein Appel und ein Ei geschluckt.

Seit 2001 war er Vorstandschef bei Nissan, seit 2005 zusätzlich bei Renault und seit 2016 begleitete er das Amt des Vorsitzenden des Verwaltungsrates bei Mitsubishi (Nissan hält etwas mehr als 44% an Mitsubishi). Wenn man bedenkt, dass er 5 Sprachen fließend spricht… Ladys and Gentleman: Mr Worldwide!

Das beste kommt aber noch: Der Typ hat seinen eigenen Superhelden-Manga: Carlos Ghosn Monogatari – Kigyou Saisei no Kotae wa Koko ni Aru! The True Story Of Carlos Ghosn. Darin hat er die Superkraft, jedes Automodell nur am Motorengeräusch zu erkennen.

 

Die Anschuldigungen

Die Anschuldigungen, sollten sie wahr sein, haben es in sich. Der Weltbürger Ghosn soll sich von Nissan und einer Tochterfirma, die Risikokapital investieren soll, seine Häuser in Brasilien, Paris und im Libanon finanzieren lassen und somit Firmenvermögen veruntreut haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang, ass er ohne Wissen des Vorstandes von Nissan und Mitsubishi aus einem niederländischen Joint Venture ein ordentliches Salär abzweigt haben soll. Jedenfalls war er wegen Veruntreuung, Korruption und Steuerhinterziehung für insgesamt 108 Tage in Untersuchungshaft, bevor er auf Kaution freikam. Laut Wikipedia und Medien reden wir von einem Gesamtschaden von mindestens 30 Millionen US-Dollars… konservativ geschätzt.

Die ganze Geschichte hat auch noch weitere Dimensionen. Da Ghosn französischer Staatsbürger ist, schaltete seine Frau auch Emanuel Macron ein, um ihn freizubekommen. Eine Untersuchung bei Renault hatte übrigens dort keine Unregelmäßigkeiten feststellen können. Eine weitere Dimension ist die Geschichte über die Rechtsstaatlichkeit der japanischen Justiz. Ghosn motzte da nach seiner Flucht ziemlich rum, dass Japans Justiz voreingenommen und in ihrer Entscheidung nicht frei sei. Ziemlich starke Behauptung, auf den ersten Blick, ist Japan doch auf Rang 15 von 126 des Rechtstaatlichkeitsindex der WJO (Deutschland ist auf Platz 6, Brasilien auf 53, Frankreich auf der 17, der Libanon auf 89 und die USA auf Platz 20). Anders wird der Blick darauf, wenn man weiß, dass man in Japan nur 23 Tage ohne Anklage festgehalten werden darf, bei Ghosn waren es ja 108 Tage (insgesamt, 53 Tagen am Stück). Der Trick ist, dass nach 23 Tagen neue Anklagepunkte genannt werden. Also, man fängt mit Veruntreuung an, nach 23 Tagen kommt Steuerhinterziehung dazu, nach 23 weiteren Tagen Korruption usw. Ziel ist es, ein Geständnis zu erpressen. Die Praxis nennt sich Hitojichi shihō. Das Geständnis ist im asiatischen Kulturraum, speziell in Japan, sehr wichtig. Bei fast 90% aller Verurteilungen in Japan spielten Geständnisse eine entscheidende Rolle. Erinnert ihr euch an Detektiv Conan? Die Anime-Serie? Am Ende jeder Folge, wenn Conan den Täter überführt hat, gestehen die Überführten ihre Tat. Im Real Life heißt das, dass ein 12 Stunden langes Verhör ohne Anwalt.

 

Die Flucht

In der Nacht vom 29.12.2019 auf den 30.12.2019 floh Ghosn dann aus Tokio. Wie er floh, war wohl filmreif. Am 29.12 gegen 14:30 traf er seine beiden Fluchthelfer. Zusammen fuhren sie zu einem Hotel in der Nähe des Kansai International Airports. Dieser Flughafen allein hats schon in sich, liegt er doch auf einer künstlichen Insel mitten in einer japanischen Bucht. Folgt ruhig den Link und schaut euch das mal an. Jedenfalls gingen drei Herren ins Hotell rein und zwei kamen mit einem großen Koffer für Musikanlagen wieder raus. Der Koffer sollte dann in ein bereitstehendes Charterflugzeug geladen werden. Da der Koffer aber zu groß war und nicht durch die Röntgenanlage passte, hat man ihn einfach so verladen. Ohne X-Rays konnten die auch nicht feststellen, dass in dem Koffer der körperlich eher kleine Ghosn saß. Um halb 12 nachts flog er dann aus Japan weg, um halb 6 morgens traf er in Istanbul ein, zeigte den französischen Reisepass vor, den er nicht zusammen mit seinem anderen französischen, dem brasilianischen und libanesischen Pass abgegeben hatte (als Teil der Kautionsauflagen) und flog dann ganz gemütlich nach Beirut weiter. Dort meldete er sich dann per Interview zu Wort, schimpfte auf die nicht rechtstaatliche Justiz in Japan und freut sich seines Lebens, da der Libanon und Japan kein Auslieferungsabkommen haben. Ersten berichten zufolge soll seine Frau die Fluchthelfer angeheuert haben, im Exil nimmt diese Aufgabe aber Ghosn auf sich (wahrscheinlich um seine Frau vor Verfolgung durch die Strafbehörden zu schützen). Mittlerweile sitzt Ghosn wieder in einer Art Hausarrest, er darf den Libanon auf betreiben Japans nicht mehr verlassen.

 

Fürs Rollenspiel

Eine Auftraggeberin, die verzweifelt genug ist, für (ziemlich sicher) ganz viel Geld Runner anzuheuern. Ein hochrangiger Manager einer weltweiten Firma, der mutmaßlich Dreck am Stecken hat. Ein Verdächtiger, der zwar aus der Haft freigelassen wurde, aber das Land / die Stadt / das Haus nicht verlassen kann. Eine Kiste, die zu groß ist, um gescannt zu werden. Ein Flüchtling in der Kiste. Ein Flug bei Nacht und Nebel. Japan. Istanbul. Reisepässe, gefälschte Papiere.

Hier ist wirklich alles dabei, was man für einen guten Heist /Run braucht. Andererseits bietet sichhier auch ein Detektivabenteuer an. Wie konnte der Beschuldigte entkommen. Wie kann ich verhindern, dass der Beschuldigte entkommt? Auch Agentengeschichten sind drin: Wie wäre es, wenn die Runner geschickt werden, um den Geflohenen zurück in den Geltungsbereich der japanischen Justiz zu bringen? Dread oder One Last Job würden sich hier anbieten, genauso wie Shadowrun, Savage World oder auch Dungeon Slayers.

Was aber, wenn die Geschichte tatsächlich eine Intrige ist, so wie Ghosn es behauptet? Beweise für die Verschwörung müssen gesammelt, Beamte bestochen, Politiker bearbeitet werden.

So wird aus einem (eigentlich drögen) Wirtschaftskrimi ein actionreiches Rollenspiel.

Des Trolls Monsterhandbuch und Karneval der Rollenspielblogs: Eis und Schnee – Krampus, Rauwuggal und Prechten

Hier, im Süddeutschen Raum aber auch bis Südtirol hinunter gibt es rund um Weihnachten ein gar dämonisches Treiben. Wilde Gestallten mit Hörnern, gehüllt in Pelz, Ziegenbockfell oder einfach in Reisig, behangen mit Schellen und Glöcken, stürmen durch die Dörfer und schlagen mit Ruten auf jene unglücklichen ein, die nicht schnell genug Ausweichen können. Die Gestallten heißen Rauwuggal, Glöckner, Buttnmandl, Gankerl, buadiger Dammerl, Drud, ihr König ist aber unangefochten Krampus, der unheimliche Begleiter des Heiligen Nikolaus. Er ist der Teufel, der unartige Kinder in seinen Sack steckt und in die Hölle verschleppt. Hier hat übrigens Leander Kirchenfledermaus die Geschichte aufgeschrieben, wie der Heilige zu seinem Teufel kommt.

Woher die Schreckensgestallten kommen? Keine Ahnung. Die gängige Theorie sagt ja, dass das Überbleibsel aus der Zeit der Germanen sei, die die Wilde Jagd oder die Prechten darstellen sollen. Nunja, die ganze Geschichte at halt einen Haken, den euch auch wieder Leander gut erklären kann: es gibt keine Quellen dazu. Erst ab dem 17. Jhdt. gibt es Berichte zu Krampus und Co. Und die meisten Klausentreiben gibt es auch erst seit Anfang des 20 Jhdt. Im meinem Heimatdorf wurden bis vor knapp 20 Jahren die Nickel getrieben, das heißt, die Jugend versuchte, die Krampal zu schlagen und die Krampal die Dorfjugend. Dann hat es irgendwann irgendjemand übertrieben.

Ich könnte jetzt natürlich Werte in irgendeinem Rollenspielsystem für Winterdämonen erstellen, aber das ist heute mal nicht meine Absicht. Denn hinter allen Krampal, Drudn und Gankerl stecken Menschen in Masken. Gute Menschen und… Arschlöcher. Masken sind seit jeher Artefakte, die helfen, in andere Rollen zu schlüpfen oder anonym zu werden und Distanz zu seinen Handlungen aufzubauen. Mir fallen da Scooby Doo (Achtung, Affinity Link) ein, die in jeder Folge am Schluss das Monster hinter der Maske zu enttarnen. Mir fällt aber auch der Brauch des Haberfeldtreibens ein, die bayrische Variante eines Femegericht, bei dem ein vermummter Mob vor das Haus eines Opfers zieht, dass die moralischen Regeln der Gemeinschaft missachtet hat, und dort randaliert.

Ich hab mir vor Kurzem 1W6 Freunde (Achtung, Affinity Link) besorgt. Ein wirklich tolles, regelleichtes Rollenspiel, dass mit den Idolen meiner Kindheit und der Kindheit meiner Mädels (sie sind Fans der drei !!!), Detektivclubs, spielt. Das passt wie Faust aufs Auge für Abenteuer rund um die dämonischen Wintergestalten. Man nehme einen Detektivclub, ein kleines bayrisches (oder österreichisches) Dorf, eine Jugendbade mit ein paar Halbstarken, die im Schutze ihrer Krampus-Masken im Jugendzentrum randalieren und bestimmte Mitschüler*innen mit Migrationshintergrund drangsalieren. Da die Masken allesamt Einzelstücke sind und sich in Details unterscheiden, könnte man hier als Micro-Game Wer ist es? (Achtung, Affinity Link) einbauen, um auf die Schliche der Jugendbande kommen. Der alte Maskenschnitzer hat natürlich alle seine Masken fotografiert samt Namen der Träger in seiner Kartei (in den 80gern und 90gern tatsächlich noch als Karteikasten bzw. Schuhkarton), was zur Lösung des Falls beitragen kann und natürlich kennt der Vorstand des örtlichen Trachtenvereins, der das Treiben organisiert, sämtliche Masken und Treiber.

Fürs Monsterhandbuch: Krampus und Co bieten sich nicht nur als Höllenbrut mit Werten an sondern als Maske, hinter der sich Schurk*innen verbergen, um ihre Taten im Schutze von Tradition, Aberglauben und Winternacht durchzuführen.

Rezension: QualityLand

Achtung, Affinity Links!

Viele, die den Namen Marc-Uwe Kling hören, hängen einem Missverständnis an. Sie glauben, er sei ein Comedian, ein Kabarettist, ein Satiriker oder gar… ein Kleinkünstler. Tatsächlich ist Marc-Uwe Kling aber ein Prophet, ein wegweisender Denker, ein Philosoph.

Sein Känguru-Vierteiler ist keine lustige Geschichte von einem Kleinkünstler, der in einer WG mit einem kommunistischen Känguru lebt, sondern eine Handlungsanweisung zum zivilen Ungehorsam und eine Warnung vor dem Diktat des kapitalistischen Uniformismus.

Das Buch, das ich heute besprechen möchte, ist daher auch kein Science Fiktion Roman sondern eine Dystopie, die es mit meinem bisherigen Favoriten (Die Optimierer) aufnehmen kann (obwohl er handwerklich nicht ganz damit mithalten kann). Das Buch spielt in einem Deutschland der Zukunft, dass sich irgendwann entschlossen hat, mit der Vergangenheit endgültig abzuschließen, sich in QualityLand umzubenennen, die alten Familiennamen abzulegen (Kinder bekommen als Nachname den Beruf ihres geschlechtlich passenden Elternteils zum Zeitpunkt der Geburt, was zu auf dem ersten Blick witzigen Nachnamen wie Arbeitsloser, Sexarbeiterin und Vorstandvorsitzender führt) und dem Diktat der Algorithmen der E-Commerce zu ergeben.

Das Buch folgt dem Leben von Peter Arbeitsloser, einem Nutzlosen (Level 9) ( ein Verschrotter, der die ihm zum verschrotten angetrauten Roboter mit kleinen Macken nichtverschrottet, sondern eine Art WG gegründet hat), Martyn Vorstand (Sohn des Wirtschaftsmagnaten Bob Vorstandsvorsitzender, der im Laufe der Geschichte immer mehr die Kontrolle über sein ohnehin mieses Leben verliert) und John of Us, ein Androide, der für die Fortschrittspartei als Präsidentenkandidat ins Rennen geschickt wird.

In den Geschichten der Protagonisten, bei denen die dystopische, digitalisierte Wirtschaft den Hintergrund bildet, werden verschiedene Themen behandelt. Peter Arbeitsloser erlebt seine Existenz zunächst als passives, dem Konsum und dem System ohnmächtig gegenüberstehendes Opfer. Erst im Laufe eines, an Kohlhas erinnernden Feldzug gegen The Shop emanzipieret sich Peter (dank der Hilfe seiner Roboter (hier taucht das Känguru in seiner Inkanation von Pinki, dem pinken Qualitypad, auf) Kikis und des Alten (das Alter Ego Marc-Uwe Kings)) von seinem ihm durch die Algorithmen vorgegebenen Leben. Martyn Vorstand steckt in einer Shotgun-Ehe fest, ist mit seinem Beruf als Politiker unzufrieden und der Präsidentenkandidat seiner Partei, Jon of Us, ist so ziemlich gegen jede seiner Grundüberzeugungen. Hier erleben wir eine Figur im tragischen Scheitern, ganz großes Drama. John of Us ist als Androide eigentlich zum Scheitern verdammt (und wurde wahrscheinlich auch deshalb aufgestellt): Er ist eigentlich eine Superintelligenz, darf als Androide selbst nicht wählen, ist wirklich Multitaskingfähig, wird aber von den Maschinenstürmern auf dem Land (Abgehängten in Dörfern, deren Arbeit durch Roboter wegrationalisiert wurden), Großkapitalisten und den eigenen Parteimitgliedern nicht für voll genommen. Erst durch einen Trick gelingt es ihm, die Präsidentschaft zu gewinnen.

Ich hab die schwarze Hörbuchfassung gehört, aufgenommen vor Live-Publikum. Das hat wohl eine Vorlesung der Känguru-Chroniken erwartet, also was Witziges, bekam aber einen Stoff vorgesetzt, der seine Witzigkeit eher aus der grotesken Situation der Welt beziehen, in denen die Protagonisten leben. Das Lachen bleibt oft im Hals stecken. Im bairischen gibt es da den Begriff „hinterkünftig“. Übersetzt bedeutet das, das etwas oberflächlich betrachtet leicht, humorvoll und witzig rüberkommt, beim genauen nachdenken jedoch einen Abgrund an Tiefe besitzen, die einem am eigenen (Er)Leben zweifeln lassen und zum Überdenken eigener Handlungsmuster anregen. QualityLand ist ein hinterkünftiger Roman und damit absolut lesens- bzw. hörenswert.

Wenn die Känguru-Geschichten ein Aufruf zur subversiven, linken Aktion sind, ist QualityLand die Warnung davor, was passiert, wenn wir den Kampf gegen Amazon, Facebook und Google verlieren.

 

Karneval der Rollenspielblogs: Eis und Schnee – Ein Eisgolem im Sommer

Gestern hab ich wieder mit meinem Bruder über den aktuellen Karneval gesprochen. Mein Bruderherz ist ein Phänomen. Gib in ein Stichwort und der kommt nach 5 Minuten mit einer schrägen Idee rüber. So auch gestern:

„Da gibt es so einen Manga (Melt Away), da geht es darum, dass ein Mädchen am Winterende einen Schneemann in den Kühlschrank stellt und vergisst. Als dann der Kühlschrank von ihrer Tante geöffnet wird, ist da eine Winter-Yokai drin, die sich freut, dass ihr Traum endlich war geworden ist und sie nun den Sommer erleben kann. Währ doch die ideale Aufgabe für Held*innen. Einen Eis-Golem in den Sommer bringen. Mal sehen, wie das in einem Setting ohne Kühltruhe funktionieren soll…“

Mal abgesehen davon, dass mich das auch an Olaf aus Frozen erinnert… geniale Idee. Mir fehlt aber noch eine Motivation für den Golem. Machen wir aus dem Golem doch einen Dschinn. Der hat sich in eine Dryade verliebt, die in einem Weinstock wohnt. Er bittet die Helden, einen Schneemann in den Frühling zu retten, damit er seiner Dryade zumindest für ein paar Stunden Nah sein kann. Die Weinstöcke müssten dann übrigens auch irgendwie geschützt werden, sonst gibt es dieses Jahr keine Ernte. Lassen wir die Dryade in einem Weinberg stehen, der der Rahja-Kirche gehört (Tiefhusen vor dem Fall, später vielleicht Lohwangen oder Joborn) leben. Nehmen wir eine Pächterin, der den Weinberg bewirtschaften muss und verhindern will, dass Eisdschinn und Dryade zusammenkommen (er fürchtet um den heiligen Wein für die Rahja-Kirche). Und dann schlagt mein Pakt mit dem Dämon Anagramma zu Buche: Shade (Hades) für den Eisdschinn, Rose Phenep (Persephone) für die Dryade und Rike De Metre (Dememeter) für die Pächterin und schon haben wir ein tolles Drama.

Blog-O-Queste 52: Rückblick auf 2019 – Die Antwoten

  1. Januar und Zeit für Questen. Hier die Antworten zur Queste 52. Achtung, Affinity Links!

Welches Rollenspielereignis war für dich am prägnantesten/lustigsten/einprägsamsten in 2019?

Rollenspiel mit und vor Kollegen bei einer Vortbildung.

Wie oft bist Du 2019 zum Spielen gekommen? Was wurde am meisten gespielt, welche Systeme hast Du neu kennengelernt?

5 Mal, jeweils Das Land Og in der abgewandelten, für den Unterricht aufbereiteten Version.

Welches RPG-Produkt 2019 (aber nicht unbedingt aus 2019) ist Dein Produkt des Jahres?

Memoria Myrana 53-56, weil ich daran mitgearbeitet habe, Die Schwarze Katze und natürlich Roll Inclusive. Die Havena-Box war auch grandios.

Welcher Blogartikel, welches Video, welcher Karneval Deiner RPG-Kollegen (also quasi der Blogosphäre) hat Dich 2019 am meisten geflasht?

Boah, das ist mal eine richtig schwere Frage, weil da so viele in Betracht kommen. Genderswapped, 3W6, Dropcast und Eskapodcast gehören dazu. Die Katzenhexe fand ich super. Donnerhaus natürlich. Die Karnevale waren alle super organisiert und ich hab geschafft, zu fast jedem meinen Senf dazuzugeben.

Welches sind die Medien 2019 für Dich? Bester Film, beste Serie, beste Buch, beste Comic etc.?

Bester Film: Joker
Beste Serie: This Is Us
Bestes (Hör-)Buch: QuallityLand