Aus der Geschichte Rakshazars I

Heute möchte ich euch ein paar Ausschnitte aus der Geschichte Rakshazars präsentieren, die von unserem Barbarengentleman geschrieben wird. Das Word-Dokument, an dem er gerade schriebt, ist schon über 120 Seiten dick. Respekt! Quasi unser pendat zur Historica Aventurica. In besser 🙂

Achtung! Spoiler und Meisterinfo!

Warkash, Kamesh und die Weißpelzorks

Kurz vor Ende des Zehnten Zeitalters erschien mit den Weißpelzorks bzw. Rochkotaii eine Subspezies der Orks, die sich von den Schwarzpelzorks abgespalten hatte.

Wer die Weißpelzorks verstehen möchte, muss ihre Geschichte kennen. Ihre Mythologie berichtet von Warkash dem Weißen, Sohn Taugrachs und Bruder RashRaghs, und seiner Flucht vor letzterem in die Berge des Westens. Tatsächlich hat es sich wohl so abgespielt, dass Warkash, schon damals mit einem weißen Pelz ausgestattet, als Prophet auftrat und viele Schwarzpelzorks zu einem düsteren Schädelkult verführte. Solcherart aufgestachelt fielen seine Anhänger über ihre Brüder her und opferten sie zu Hunder­ten auf ihren Altären. Schließlich schlugen die Schwarzpelzorks, die an den Gott RashRagh glaubten, zurück und vertrieben Warkash und seine Anhänger bis in das Gebiet des heutigen Tals der Klagen. Dies geschah in der Zeit zwischen dem Kataklysmus und dem Zweiten Drachenkrieg, das Eherne Schwert war also noch nicht zu dem Hochgebirge aufgetürmt, das es heute ist, und das heutige Tal der Klagen bildete zusammen mit Ödlandwall und Schwefelklippen ein Vorgebirge des Schwerts, der heutigen Götterberge. Dort trafen Warkash und seine Jünger auf einen Ork namens Kamesh, einen Stammesältesten, der über eine große Zahl von schwarz­pelzigen Orks befahl. Niemand weiß mehr zu sagen, wie die Verhandlungen zwi­schen den beiden Anführern verliefen, doch am Ende unterstellte Kamesh den Neu­an­kömm­ling und seine Kultisten seinem Schutz und schlug die angreifenden Schwarzpelzorks aus dem Osten blutig zurück. Warkash und seine Leute siedelten sich im Gebirge an.

Höchstens ein bis zwei Jahre später müssen sie Brakka-Arkaii, die Höhle der Schädel, erreicht haben, die ihnen als die legendäre Stätte ihrer Geburt gilt. Es ist unklar, ob Warkash und seine Anhänger diesen Ort selber fanden oder ob er ihnen von Kamesh zugewiesen wurde. Als gesichert gilt indes, dass Warkash und seine Anhänger ihn lange als ihre Wohnstatt nutzten, dass sie etwas getan haben müssen, das auch die Fellfarbe der anderen Orks von schwarz zu weiß änderte, und dass der Prophet seinen Jüngern hier die Lehre vom Crerk offenbarte. Danach wohnt dem Kopf jedes Lebewesen ein Crerk inne, sein ureigenes, ursprüngliches Tier, das ihm überhaupt erst das Leben in seinem derischen Körper ermöglicht und das Ursprung seiner wahren Natur und Instinkte ist. Jeder Weißpelz hofft, dass er nach seinem Tod wiedergeboren wird, indem sein Crerk in einen neuen Körper „gegossen“ wird, etwas, das nur die Götter bewerkstelligen können. Die Wiedergeburt, so glauben die Rochkotaii, garantiere ihnen ein dauerhaftes Überleben in der diesseitigen Welt und liefere sie nicht dem Granosh aus, dem „ewigen, traumlosen Nichtschlaf“. Wieder­ge­bo­ren werden könne ein Ork aber nur dann, wenn sein Crerk nach dem Tode dem Schädel entweichen könne. Deshalb bemühen sich die Rochkotaii darum, die Schädel verhasster Feinde nicht zu zerbrechen oder anderweitig zu beschädigen. Sie versiegeln sie vielmehr mit Ton und Steinen und glauben, die Seele des Feindes dadurch darin gefangengenommen zu haben.

Warkash wurde von den Weißpelzorks nunmehr als ihr Stammvater angesehen und mehr und mehr vergöttlicht. Sie schrieben ihm die Fähigkeit zu, ihnen die Wiedergeburt zu ermöglichen, und bemühten sich darum, sich als seiner würdig zu erweisen. Als Sohn Taugrachs und Bruder RashRaghs wurde Warkash in das orkische Götterpantheon integriert. Der Prophet indes lehrte seine Anhänger die Achtung vor allen Mitgliedern der Gemeinschaft, die in seinen Augen allein das Überleben garantierte, spezielle Jagdmethoden, Kampfriten und –strategien, grob­schläch­tig aber effektiv, und andere Gebote, vom richtigen Ausweiden von Beute und der korrekten Vorgehensweise beim Köpfen und Häuten von Feinden bis hin zur Wahl eines angemessenen Schlafplatzes. Niemand weiß mehr zu sagen, wie lang genau Warkash über seine Anhänger herrschte, doch wie es scheint, kam er eines Tages unter höchst mysteriösen Umständen ums Leben. Betrachtet man, wie die Geschichte danach weiterging, spricht einiges dafür, dass der Orkälteste Kamesh bei Warkashs Ableben gehörig nachgeholfen haben könnte. Die Weißpelze waren vom Tod ihres „Gottes“ zunächst völlig überrumpelt. Na­türlich waren die Orks auch in der Vergangenheit bisweilen Glaubensprämis­sen gefolgt, die sich dann als fehlerhaft herausstellten, aber da hatte man solche Dinge durch Mythen verklärt. Wo­möglich hätte sich auch diesmal die Geschichte verbreitet, Warkash sei in den Himmel aufgefahren und zu seiner göttlichen Familie zurückgekehrt, wäre seine tiefgefrorene Leiche nicht exakt in der Mitte der zen­tralen Höhle Brakka-Arkaiis gefunden worden, für alle Weißpelze des Stamms deutlich sichtbar. Verwirrung machte sich breit, und großer Unmut. Es war wirklich sehr unhöflich von jemandem, der ein Gott war und somit unsterblich, durch sein plötzliches Ableben die natürliche Ordnung der Dinge durcheinanderzubrin­gen. Die Stimmung war gereizt, und allenthalben kam es zu Streit. Manche Weißpelzorks verteidigten ihren Stammvater und meinten, er werde schon seine Gründe gehabt haben, seinen Tod zu inszenieren, andere fühlten sich im Stich gelassen. Eine dritte Fraktion behauptete, man sei einem Schwindler aufgesessen, ei­nige wenige, die darauf hinwiesen, dass es die Orks selbst waren, die Warkash zu einem göttlichen Wesen erklärt hatten, wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Einige wollten Warkashs Leiche beerdigen, an­dere sie verbrennen, wieder andere plädierten dafür, sie zu konservieren, falls Warkash sich entschließe, in seinen sterblichen Körper zurückzukehren. Zeitgleich mit dem Tod ihres Anführers entbrannte auch der Streit um seine Nachfolge, und bald schon waren es nicht weniger als fünf der stärksten Weißpelze des Stammes, die das Amt des Aikar beanspruchten. Ein Bürgerkrieg drohte die Gesellschaft endgültig zu spalten. Da erschien auf einmal Kamesh und forderte von den Weißpelzorks, sich ihm zu unterwerfen. Die Orks lachten und verspotteten ihn ob seiner Unverschämtheit, da forderte er die fünf potenziellen Anführer zum Kampf – nicht nacheinander, sondern alle auf einmal. Was nun geschah, darüber gibt es ganz unter­schiedliche Legenden, jeder der Orks wollte am Ende etwas anderes gesehen haben. Kamesh wuchs plötz­lich auf das Zehnfache seiner Größe an, heißt es, oder dass er sich in einen Drachen verwandelte. Einige behaupten, dass ein gleißendes Licht die gesamte Höhle erfüllt habe, andere, dass sein Pelz lichterloh in Flammen stand. Der Kampf indes dauerte nur Sekunden. Als sich die Weißpelze von dem Schock erholten, den das seltsame, übernatürliche Phänomen bei ihnen hervorgerufen hatte, lagen die fünf Aikar-Kandida­ten mit abgeschlagenen Köpfen am Boden, und über ihnen stand Kamesh, dessen Fell weiß geworden war wie das der anderen Orks, dessen Augen rot glühten und der ein triumphales Siegesgeheul ausstieß. Wenig später lagen die anderen Orks am Boden und huldigen ihrem neuen Aikar, der ihnen Schutz und Führung anbot.

So beruhigten sich die Kämpfe unter den Weißpelzen, der Glaubenskonflikt indes schwelte im Unter­grund weiter. Während Warkashs treue Anhänger die Ansicht vertraten, wenn ein Ork die Wiedergeburt ver­dient habe, dann sicher der Prophet, und man müsse nach einem neugeborenen Ork Ausschau halten, der Warkashs Crerk in sich trage, spotteten andere und nannten den Propheten einen Hochstapler und einen Lügner. Kamesh nutzte jede Gelegenheit, diese Zweifel am Propheten und an seiner Göttlichkeit zu nähren. Unter den Rochkotaii begann sich die Meinung auszubreiten, Warkash habe durch seine „feige Flucht“ aus dieser Welt sein Volk im Stich gelassen. Zeitgleich wurde wieder und wieder die Geschichte von Kameshs glorreichem Kampfes gegen die fünf Orkanführer erzählt, und dieser sorgte dafür, dass bei jeder Er­zäh­lung weitere Details hinzugefügt wurden, die seine Stärke und seinen Heldenmut unterstrichen. Schließlich kamen Gerüchte auf, Kamesh sei der Gesandte eines Gottes, wenn nicht gar selbst ein Gott, et­was, das der Aikar weder bestätigte noch dementierte, er erging sich lediglich in nebulöse Andeutungen, wel­che die Orks zu neuen Spekulationen anstachelten.

Die Frage indes, wie die Weißpelze verfahren sollten, um auch in Zukunft wiedergeboren zu werden, wurde immer drängender. Treue Warkash-Anhänger schlugen vor, den Propheten um seine Rückkehr anzuflehen und zugleich nach seiner Reinkarnation Ausschau zu halten. An­de­re forderten, den Glauben an Warkash abzulegen und die Verehrung ihres alten Götterpantheons wieder­aufzunehmen, das man in Teilen ohnehin noch verehrte. Da unterbreitete Kamesh ihnen einen Alternativvorschlag. Er, der Aikar Kamesh, habe die Orks nun lange beobachtet, erklärte er. Sie hätten bereits ihren tiefen Glauben, ihre Tapferkeit und ihre Stärke unter Beweis gestellt, jetzt sei es an der Zeit, den nächsten Schritt zu wagen. Er kenne einen Gott, der exakt für die Tugenden stehe, welche den Weißpelzen offenbar in solchem Überfluss zueigen seien. Die Zeit sei gekommen, mit ihm einen Handel zu schließen, bei dem beide Seiten nur gewinnen könnten. Wenn die Weißpelze bereit seien, die Traditionen des Schwächlings Warkash hinter sich zu lassen und sich seinen Lehren zuzuwenden, welche da seien Strebsamkeit, Macht und Überlegenheit, Rache, gerechter Zorn und Hass, werde er sie zu den mächtigsten Kriegern des Kontinents machen und ihnen die Wiedergeburt schen­ken. Die Orks fragten nach dem Namen des Gottes, doch Kamesh erklärte ihnen, dass dieser Gott kei­nen Namen habe. Viele Weißpelze hegten Zweifel an den Worten des Aikar und weigerten sich, dem von ihm behaupte­ten neuen Gott zu huldigen, doch mit der Zeit nahmen mehr und mehr Orks das Angebot an, sei es, weil Kamesh sie überzeugte, sei es, weil sie nicht riskieren wollten, in der Schlacht zu fallen, ohne dass ihnen ein Gott zur Seite stand, um ihr Crerk zu retten. Die anderen wandten sich wieder Warkash zu und begannen nach dessen Reinkarnation zu suchen, die Rückkehr der Weißpelze zu ihrem alten Pantheon indes wurde nicht länger diskutiert[1].

Die Geschichten um den Kampf des jetzigen Aikar gegen seine fünf Konkurrenten begannen allmählich zu verblassen, also sorgte Kamesh dafür, dass die Weißpelze ihn bei weiteren Wun­der­dingen beobachten konnten. Hier tötete er einen Feind mit einem schwarzen Blitz aus seinen Fingerspitzen, dort entfachte er mit einem einzigen Wort ein gewaltiges Feuer, dann wiederum heilte er einen schwer erkrankten Rochkotaii. Murmeln und Munkeln machten sich unter den Weißpelzen breit, und wiederum hieß es, Kamesh sei der Gesandte des Gottes ohne Namen, andere vermuteten gar, er selbst sei dieser Gott, und begannen einen Synkretismus aus beiden unter dem Namen Kamesh anzubeten. Erneut enthielt sich der Aikar jedes Kommentars dazu und erging sich lediglich in nebulösen Andeutungen. Offenbar kam hier ein Plan zum Abschluss, den der Aikar Kamesh schon gefasst hatte, als er der Warkash-Kultisten, verfolgt von ihren schwarzpelzigen Artgenossen, zum ersten Mal ansichtig wurde. Er hatte ihnen Schutz und Heimstatt geboten und sich damit ihr Vertrauen erschlichen, er hatte Warkashs Wahnidee von der Lebenskraft, die dem Schädel innewohnt, studiert, daraus die Lehre vom Crerk entwickelt und sie dem Propheten eingeflüstert, der sie an seine Jünger weitergab, und er nutzte nunmehr den von ihm etablierten Glauben, um die Weißpelzorks zu dem Herrn zu bekehren, dem er selber diente, und das war kein geringerer als der Widersacher.

Diejenigen, die den Glauben an Warkash nicht aufgeben wollten, wurden zunächst toleriert, unterstanden sie doch trotzdem dem Befehl ihres Aikar, auch wenn sie – sehr zu Kameshs Ärger – in dieser Zeit den ersten Schädelhüter einsetzten. Der Schädelhüter, so behaupteten die Warkash, sei die Re­in­kar­na­ti­on eines Teils von Warkashs Crerk. Der andere Teil, der nicht im Schädelhüter wiedergeboren sei, wohne im Schüler des Schädelhüters, seinem Nachfolger, so sei immer ein Schädelhüter im Amt und die Linie von Warkashs Wiedergeburten werde nie unterbrochen. Tatsächlich gelang es dem Schädelhüter, sich als zweite Autorität neben dem Aikar zu etablieren, der bald darauf sann, den lästigen Konkurrenten ein für allemal loszuwerden. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Als der Güldene Drache Pyrdacor von Aventurien aus den Gott ohne Namen um Hilfe im Kampf gegen seinen verhassten Bruder Famerlor und dessen Gefolge anrief und der Namenlose seine Bitte scheinbar gewährte, um den Drachen der Elemente zu verderben und Aventurien zu unterwerfen, erging der Kriegsruf auch an Kamesh und sein Volk. Als enger Vertrauter des  Daimoniden Kazak watet-in-Blut, eines Feldherren des Namenlosen, befahl der Aikar seinen Kriegern, Seite an Seite mit Trollen aus Kazaks Gefolge das Eherne Schwert zu überqueren. Doch er kam niemals auf dem Nachbarkontinent an. Im Gebiet des heutigen Kurron stemmte sich Kameshs Tross eine Armee aus Hochelfen und Drachen entgegen. Das blutige Gemetzel kostete auf beiden Seiten unzählige Todesopfer und endete mit der vollständigen Vernichtung der Trolle und Orks.

In Brakka-Arkaii fanden sich nur noch klägliche Reste des einst so stolzen Volkes der Weißpelzorks, die Alten, die Kranken und die Kinder, welche der Aikar nicht mit auf die lange Reise hatte nehmen können. Auf diese Weise der Degeneration preisgegeben, hofften die Orks noch Jahrzehnte später, dass ihre Familien und ihr geliebter Anführer eines Tages in die Heimat zurückkehren würden, was aber natürlich niemals geschah. Eine neue Generation von Weißpelzen wuchs heran, und die Alten erzählten ihnen Geschichten vom Gott Kamesh, der erschienen sei, um die Rochkotaii zu erlösen, und der wieder in den Himmel aufgefahren sei, als seine Mission vollendet war. Zugleich lehrten sie die Kinder alles, was Warkash ihnen beigebracht hatte. Die Kultur der Orks begann sich von den Verlusten zu erholen und in eine neue Blütezeit einzutreten. Es schien sogar, als wür­den die Orks die Spaltung ihres Volkes überwinden und Warkash und Kamesh als gleichberechtigte Part­ner im orkischen Götterhimmel etablieren. Doch just in dieser Zeit begannen der Alte Drache Fuldigor und der Elementarherr des Erzes auf Geheiß der Götter das Ritual, welches das Eherne Schwert zu seiner heutigen Gestalt auftürmte.

In der Folge wurde die Heimat der Weißpelze bis in ihre Grundfesten erschüttert. Gigantische Erdbeben durchzogen den Kontinent bis weit ins heutige Ödland und in die Geistersteppe hinein. Die Heimat der Orks stand genau im Zentrum der Beben, wurde doch der Großteil des hier befindlichen Gebirges von den Urgewalten, die Fuldigor mit Hilfe des Elementarschlüssels entfesselte, einfach fortgeschoben, um sich fortan als Teil der Götterberge zu erheben[2]. Als – Monate später – die Beben langsam abklangen, war von den Bergen, die sich einst hier erhoben, so gut wie nichts mehr zu sehen. Das Tal der Klagen war entstanden, und sein Entstehen hatte den Großteil der Weißpelzorks das Leben gekostet. Es kommt einem Wunder gleich, dass nicht auch Brakka-Arkaii und die angrenzenden schwarzen Basaltfelsen von der Katastrophe zerstört worden waren, aber vermutlich ist die Erklärung dafür recht banaler Natur – Fuldigor hatte die Heimstätte der Weißpelzorks absichtlich verschont, um ihr Volk nicht der vollständigen Vernichtung preiszugeben. Über die Jahrhunderte stabilisierte sich ihre Zahl, zumal die Lebensbedingungen im neu entstandenen Tal auf lange Sicht deutlich besser waren als in dem Gebirge, das sich zuvor an dieser Stelle befunden hatte, ihre Kultur indes erholte sich nie wieder von diesem Schicksalsschlag. Die überlebenden Orks gerieten erneut in Streit und spalteten sich in die Warkashii, die nach wie vor ihre  Hoffnungen in den längst verstorbenen Ahnherren setzten, und die Kameshii, die bis heute treue Gefolgsleute des Namenlosen sind, den sie unter dem Namen ihres verschollenen Aikar verehren: Kamesh.

Das Gebiet um Brakka-Arkaii, die „Heilige Höhle der Schädel“, blieb das Hauptsiedlungsgebiet der Rochkotaii. Als die Weinenden Wasser – mutmaßlich durch eine seeseitige Überschwemmung großer Teile des Tals der Klagen – entstanden, verloren die Orks ein großes Stück Land an die Fluten, doch blieben ihnen das Grasland, die Markashmor-Auen und weite Teile des Moors. In der Anfangszeit noch nicht so fruchtbar und beutereich wie heute, ließ das karge Land viele der Orks hungrig zurück. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Kameshii sich in dieser Zeit eine neue Nahrungsquelle erschlossen – ihre Artgenossen, darunter vor allem die verhassten Warkashii. Dadurch stieg die Zahl von Kameshs Dienern, die jetzt wieder ordentlich im Futter standen, beständig an, während die verarmten Anhänger des Propheten einer nach dem anderen im Magen ihrer Brüder endeten. Das gewaltige zahlenmäßige Ungleichgewicht zwischen Warkashii und Kameshii zugunsten der Kameshii entstand in dieser Zeit. Als das Leben in das Tal zurückkehrte, bildeten die Jünger des Propheten nur noch eine Minderheit, die nach und nach von den Kameshii aus dem Gebiet um Brakka-Arkaii verdrängt wurde. Heute siedeln die Warkashii vor allem am Westrand der Markashmor-Auen, ihr Einfluss reicht aber auch bis in die Berge und Klüfte der nördlichen und westlichen Gebirge – und weit über das Tal hinaus. Am Rande des Vaestfogg sind ebenso Warkashii zu finden wie im gesamten Hohen Norden Rakshazars bis hin zum Thunaer Karst.

Brakka-Arkaii, die Heilige Höhle, erwies sich als beständiger Zankapfel zwischen den beiden Orkstämmen. Den Warkashii gilt sie noch immer als heilig. Im Innern der Höhle werden seit Jahrtausenden die Schädel der erschlagenen Feinde der Warkashii gestapelt und gehortet, um ihre Seelen auf ewig an der Wiedergeburt zu hindern. Nach der Tradition muss jeder Warkashii mindestens einmal in seinem Leben einen Schädel eines erschlagenen Feindes hinzufügen und die Nacht in der Höhle verbringen. Den Kameshii hingegen gilt dieser Ort wenig, und sie haben sich von ihm abgewandt, wie von allen Traditionen ihres Stammvaters. Indes liegt Brakka-Arkaii auf ihrem Territorium, und so verwehrten sie den rivalisierenden Weißpelzorks den Zutritt zu ihrer heiligen Höhle. Die Folge war ein Jahrhunderte währender blutiger Krieg, der beide Seiten so teuer zu stehen kann, dass sie schließlich vor einigen Jahrzehnten einen brüchigen Friedensvertrag schlossen, der den Warkashii den Zugang zur Höhle und freies Geleit durch das Siedlungsgebiet der Kameshii sichert. Ein gefährliches Unterfangen bleibt es für die Warkashii dennoch. Die Umgebung der Schädelhöhle gleich einem gewaltigen Heerlager mit manchmal zig-, bisweilen sogar hun­dert­tausenden von Orks, das die Warkashii allein oder in kleinen Gruppen durchqueren müssen, und es gibt keinen Kameshii, von dem ihnen dabei kein offener Hass entgegenschlagen würde. Dies umso mehr, als die Warkashii mitunter auch die Schädel erschlagener Kameshii in die Höhle bringen. Vermutlich wären daraus resultierend längst wieder neue Kämpfe entbrannt, wäre es nicht der Gott ohne Namen, dem die Kameshii dienen. Und der hat sie gelehrt, einen Verbündeten, der schwach ist und sich von seinen Feinden erschlagen lässt, mit Verachtung zu strafen. Die Kameshii empfinden also kein Mitleid mit ihren gefallenen Kameraden, dass die Warkashii ihre versiegelten Schädel in die Heilige Höhle bringen und ihnen somit die Wiedergeburt verwehren, gilt ihnen als gerechte Strafe für deren Versagen.

Unter den übrigen Kulturschaffenden des Tals halten sich hartnäckige Gerüchte, dass die Ka­me­shii ihre kannibalischen Umtriebe niemals abgelegt haben. Sie sollen die Kadaver erschla­gener Artgenossen nach der Entfernung der Schädel nicht ungenutzt lassen und sie genüsslich verspeisen. Auch wenn es keine direkten Beweise dafür gibt, könnte Kannibalismus ein Stück weit die große Zahl der Orks im Tal erklären, die als reine Jäger und Sammler eigentlich sehr viel früher an die Kapazitätsgrenzen ihrer steinzeitlichen Gesellschaft hätten stoßen müssen.

 

[1] Die alten Orkgötter sind für die Weißpelze bis in die heutige Zeit hinein nur Nebengötter, wobei RashRagh meist ver­ach­tet wird und andere beiläufige Verehrung erfahren.

[2] Auch das Ödland und die Geistersteppe verdanken ihre heutige Gestalt dem Auftürmen des Ehernen Schwerts. Vor Fuldigors Ritual waren diese Gebiete deutlich weniger wüst und lebensfeindlich und lagen deutlich höher über dem Meeresspiegel. Inwieweit das Ritual auch Gestalt und Charakter des heutigen Bornlands verändert hat, ist weitestge­hend unerforscht, die Ergebnisse indes könnten womöglich einen erhellenden Blick auf die Geschichte des aventuri­schen Nordens werfen.

und noch ein Nachschlag. Diesmal mit einer Verbindung ins Alte Bosparan:

Die Ankunft der Grolme

Nahezu unbemerkt von den anderen Völkern siedelte sich sieben Jahrzehnte nach dem Be­ginn der sogenannten „Dunklen Zeiten“ auf dem Nachbarkontinent Aventurien im Tal der Kla­­gen ein neues Volk aventurischer Zuwanderer an. Die Wald­grolme stammen ursprünglich vom großen Westkontinent Myranor. Dort kennt man das äußerlich an greise Men­schenkinder erinnernde Volk als „G’Rolmur“. Sie fungieren als Zauberer, Mechaniker und Feilscher, bekleiden also exakt die Funktion, die sich auch in Rakshazar innehaben.

Im Zuge der güldenländischen Besiedlung Westaventuriens kam das kleinwüchsige Volk der G’Rolmur eben­falls nach Aventurien und lebte dort über viele Generationen friedlich mit den Menschen zusammen. Unter der Hauptstadt Bosparans bewohnten die Grolme eine eigene Stadt, Bin’Zaxl genannt. Sie gruben Stollen, konstruierten mechanische Gerätschaften, die ihnen, aber auch den Menschen das Leben erleichterten, und erforschten die Geheimnisse der Höhlen, die sich bereits vor ihrer Ankunft an diesem Ort befunden hat­ten.

Zu Beginn der Dunklen Zeiten galten die Grolme gemeinhin als nützliche Händler und Handwerker, deren Pro­dukte und Dienstleistungen äußerst begehrt waren. Dann jedoch kam es zum Konflikt. Die Menschen warfen den G’Rolmur vor, sich nicht ausreichend am Feldzug gegen das verfeindete Gareth beteiligt und Geld für nicht erbrachte Leistungen gefordert zu haben. Als sich das Reich im Niedergang befand, nutzten die Grolme die Notlage der Menschen gnadenlos aus und waren selbst vom allgemeinen Verfall kaum be­troffen, was ihre Neider auf den Plan rief.

Kaiser Olruk-Horas II. lenkte die Wut der Menschen gezielt auf die Grolme, auch um von seinem eigenen Versagen abzulenken. Um 500 v. BF entbrannte ein Krieg zwischen Menschen und Grolmen, dem die Mehr­zahl der bosparanischen Grolme zum Opfer fiel. Die wenigen Überlebenden flohen in verschiedene Rich­tungen, einigen gelang es offenbar, das Riesland zu erreichen, wo ihre Nachfahren heute noch leben.

Sie siedelten sich im Tal der Klagen an und gründeten dort tief im Wald, in den Markashmor-Auen, eine unterirdische Stadt, die sie vor den Begehrlichkeiten der anderen Völker ver­bor­gen halten und die von ihrem König regiert wird. Bisweilen handeln sie mit Artefakten, die sie aus ihrer ehemaligen Heimat mitgebracht haben.

Und hier der Hintergrund zu unserm Helden, Gott und Obermotz Kuros, quasi der Hintergrund zum Abenteuer „Axt des Kuros“:

Kuros, ein Abkömmling einer einflussreichen Broktharfamilie in Ronthar, war ein wortgewal­tiger Fürsprecher für die Völkervielfalt. Als eine Intrige dazu führte, dass er Verbrechen be­schuldigt wurde, die er nicht begangen hatte, ging er ins Exil. Die fremden Völker in Ronthar sahen ihn als ihren Befreier an, teilweise sogar als Sohn der Rontja, und verließen mit ihm die Stadt. Ihre Reise führte sie nach Osten, wo vor vielen Jahren die immer noch berüchtigte Schlacht um die befreiten Sklaven stattgefunden hatte. Dort, so die vage Hoffnung, würde Rontja zu ihnen sprechen. Doch anstelle der Göttin entdeckte die Schar eine uralte Stadt aus dem Zeitalter der Marhynianer, deren menschenleere, gewaltige Architektur sie beeindruck­te und die sie als Geschenk der Götter betrachteten. Das vermeintliche Geschenk allerdings sollte sie einen hohen Preis kosten, denn die Stadt war noch immer (oder wieder) bewohnt von namenlosen Monstrositäten. Das schrecklichste Untier wurde bekannt als der Rote Basi­lisk. Allerdings fanden sich auch Waffen, die gegen die Bestien eingesetzt werden konnten, allen voran die sagenumwobene Götteraxt, ein Kriegswerkzeug mit eigener Seele, das Kuros an sich nahm.

Der Kampf um ihre neue Heimat machte aus seinen Anhängern ein neues Volk, zusammen­gehalten nicht durch die gleiche Abstammung, sondern durch das Blut, das sie gemeinsam vergossen hatten. Die Verehrung Kuros nahm im Laufe der Jahre immer größere Ausmaße an, und bald war er selbst in den Augen der Bürger der neuen Stadt Kurotan ein Gott, der allen anderen Göttern getrotzt hatte. Zu seinen nachweislichen Heldentaten gehört der Sieg über den Perldrachen Grumunkur, über diverse Trolle und über einen Eisgiganten.

 

 

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2 Gedanken zu „Aus der Geschichte Rakshazars I

  1. Thorsten Habermann

    Sehr schöner Text, vor allem zu den Weißpelzorks. Ich habe just im Downloadbereich des DSAforums einen Text eingestellt, dessen letzte 2 Kapitel auch auf die Weißpelze anspielen!
    Schaut es euch mal an, vielleicht kann man das inhaltlich ja sogar noch irgendwie verbinden.
    Ihr findet die “ Heptasphärische Apokryphen“ unter Spielhilfen.
    Der Text hätte schon vor einem Jahr bei Simias Werkbank erscheinen sollen, aber die Nanduriaten haben’s verpatzt!

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