Spieler vs Spielleiter: Eine Fallstudie

Ich bin auf einer Pen&Paper-Seite in Facebook auf diesen Post gestoßen. Darin geht es, grob gesagt, um eine Rollenspielrunde, die holprig startete, toll lief und dann in einem spektakulärem Knall endete.

Ein DM entwickelte zusammen mit seinen Spielern_innen eine Kampagnienwelt. Fantasy, Mittelalter, Monarchie… soweit sogut. Der DM wollte die traditionelle Schiene; Ein Lich, der die Fanatsywelt bedroht und versucht, ein Heer von Untoten zu erheben, die Gruppe, die sich ihm in den Weg stellt… ihr kennt das. Dann kam es zu entscheidenden Fragen auf der Seite der Spieler: Wie steht es in der Welt um die Rechte von Homosexuellen? Nach einem beherzten „naja“ von Seiten des DM verwandelten die Spieler_innen die Kampagne in eine Rebellionskapagne, um die Monarchie zu stürzen, Demokratie einzuführen und die Ehe für Alle durchzubringen. Soweit, so gut, die Kampagne soll fordernd und für die Spieler_innen auch zufriedenstellend gelaufen sein. Als die Helden_innen endlich ihr Ziel erreicht hatten, drückte aber der DM seine ursprüngliche Kampagne durch. Der Lich und seine vollständige Untotenarmee griffen an.

Die Reaktionen auf den ursprünglich auf 4chan zu findenden Post fielen sehr gemischt aus. Von „Recht hat er, der DM bestimmt, was gespielt wird“ über „Was müssen die Spieler_innen ihre 21. Jahrhundert Moralvorstellungen in eine Mittelalterliche Fantasywelt packen“  und „Scheiß SJW“ zu „Doofer DM. Es geht um den Spaß der Spieler, nicht darum, was der DM will“ und „Arschloch“. Die Moderateren monierten, dass dies mit einem Gruppenvertrag nicht passiert wäre.

Ich für meinen Teil weiß ehrlich nicht, wie ich mich selbst dazu positionieren soll. Im Grunde ist es auch Scheißegal, Geschehenes ist geschehen. Mich würde viel mehr interessieren, wie die Gruppe (DM und Spieler_innen) dieses Problem gelöst hat. Die Situation hätte nämlich Potential. Potential, dass der DM gewürfelt (das Rollenspieler-Pendant zum steinigen) und aus dem Dorf gejagt wird, Potential aber, eine EPISCHE, zur Selbsterkenntnis verhelfenden, Kampagne zu werden. Quasi das 7G dieser Gruppe. Und alles dreht sich um dieses berühmte Batmanzitat:

Man stirbt als Held oder lebt solange, bis man selbst der Böse wird.

Man könnte auch sagen, dass dies die Vom-Helden-zum-Diktator-Kampagne der Gruppe werden könnte. Ähnlich wie das Leben des Despoten, kann auch diese Kampagne in drei Teile zerlegt werden.

  1. Die Rebellen für eine gerechte Sache: Diesen Teil der Kampagne haben die Spieler_innen schon hinter sich. Der Sturz der Monarchie, die Errichtung der Demokratie, der Schutz und die Förderung der Minderheiten… laut Ausgangspost soll es den Spielern_innen auch riesig Spaß gemacht haben, diesen Teil zu spielen.
  2. Die Staatenlenker_innen: Das wäre jetzt imho der Teil, den der DM spielen wollte. Der mit dem Lich. Der Klassiker. Der mit dem Potential! Die Helden_innen haben es geschafft, sie sind die demokratisch gewählten Anführer der Nation, die Homosexuellen genießen rechtliche Gleichstellung, Friede, Freude, Eierkuchen bis… von Außen die Gefahr des Lich auf sie zukommt. Wie werden sich die Untertanen verhalten? Besonders diejenigen, die unter der Monarchie reich und mächtig waren, werden die Gefahr von Außen nutzen, um eine Volksmenge gegen die Helden_innen aufzuhetzen. Demokratie hat auch ihre Schattenseiten… besonders wenn es gegen die Herrschenden geht. Vielleicht gibt auch eine religiöse Gruppe den Homosexuellen die Schuld am Lich… in der Realität haben  Prediger / Politiker in den USA keine Probleme damit, Erdbeben den Schwulen in die Schuhe zu schieben… Die Helden_innen müssen also etwas finden, wie man den Lich aufhält (nur so in den Raum geworfen: das Kristallherz des Lich zerstören) und Innere Unruhen bekämpfen.
  3. Von Helden zu Schurken: Hier geht es darum, ob die Helden_innen bereit sind, nach all den Kämpfen für ihre Vision, Macht abzugeben. Wenn nicht, dann korrumpiert diese Macht irgendwann. Als Grande Finale und Plottwist gibt der DM den Spielern neue Helden_innen, jugendliche Freiheitskämpfer, die durch die Taten der alten Helden geschädigt wurden an Leib, Gut und Familie. Und diese jungen Helden_innen wollen dann die Alten final von der Verantwortung befreien..

Würde die Kampagne so gespielt werden, glaube ich, hätte  alle Seiten sehr viel davon. Und ja, ein (mündlicher) Gruppenvertrag oder zumindest eine kurze Absprache, ob die Spieler weiterspielen wollen, hätte geholfen!

 

Update: Der Pen & Podcast hat dazu eine Sendung gemacht.

8 Gedanken zu „Spieler vs Spielleiter: Eine Fallstudie

      1. John Doe

        Nun in dem Fall ist es nicht völlig unangemessen, was der DM gemacht hat. Aber ich sehe es wie Roland in seinem Kommentar weiter unter: Auch hier hätte er öfters auf die eigentliche Gefahr verweisen müssen. Z.B. immer wieder Nachrichten über vorrückende Untote an die SC geben (vielleicht hat er das ja auch, aber nach dem was wir wissen klingt es nicht danach). Dann wäre es wirklich allein in Verantwortung der Spieler gewesen, wenn die Untoten über ihre Demokratie herfallen.
        Aber so halte ich das für kein passendes Verhalten. Das die Spieler seinen Plot ignoriert haben und stattdessen eine eigene Aufgabe geschaffen haben ist auch nicht schön, denn ich gehe davon aus, dass sich der DM einige Mühe mit der Vorbereitung gemacht hat. Aber was klar scheint ist, dass er den Spielern die Kampagne geleitet hat, die sie sich selbst gewählt haben (ohne Absprache mit ihm). Dann im Nachgang den Spielern die bisherigen Ergebnisse der Kampagne wegnehmen, ist aber auch mies und eigentlich nur Rache.
        Für mich klingt es, als hätte diese Gruppe insgesamt Probleme ihre Interessen miteinander abzugleichen und brauchbare Kompromisse zu finden.

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      2. The_Nathan_Grey

        Ja, das stimmt. Die essentielle Frage ist für mich ob es während der Kampagne Hinweise auf die Aktivitäten des Lichs gab und diese ignoriert wurden. Wenn ja, dann war es richtig, zumindest in meinen Augen. Wenn nein, war es schon ein kleiner Arschlochmove.

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  1. rorschachhamster

    Ich verstehe immer noch nicht wo das Problem ist? Darf eine Demokratie mit liberalen Heiratsgesetzen nicht von einem Leichnam und seiner Untotenarmee angegriffen werden? Man könnte ja auch sagen, das die Realität des Leichnams vorgegeben war, und die Spieler davon wußten… aber da ich den ganzen Scheiß nicht selber lesen werde, besitze ich natürlich auch nur eine sehr beschränkte Sicht der Dinge… 😉

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  2. rolandhofmeister1 Autor

    Klar darf eine Demokratie auch von einem Lich angegriffen werden. Ich glaube, das Problem war einfach, dass die Spieler_innen etwas anderes spielen wollten wie der DM. Meiner Meinung nach hätte der DM spätestens am Ende ver SJW-Kampagne, besser aber viel früher, seine Spieler_innen darauf hinweisen sollen, dass er noch was anderes am Ende der Kampagne vor hat. Hätte er das Getan, siehe oben. Hat er das nicht getan, kann ich die „Arschloch“ -Vorwürfe der Spieler_innen zumindest verstehen. Ivh persönlich hätte mich als Spieler auf so ein Ende gefreut…

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  3. Pingback: Meinung und Vorschläge zu „Spieler vs Spielleiter: Eine Fallstudie“ | John Doe's RPG Manor

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