Rezension: Wilhelm Hauff – Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 für Söhne und Töchter gebildeter Stände

Mit erschrecken habe ich festgestellt, dass es offenbar ein paar Blogger da draußen gibt, die noch nicht von Wilhelm Hauff gehört bzw. Gelesen haben. Das ist keine Bildungslücke, meine Lieben, das ist ein Bildungs-Grand-Cannion!

Wilhelm Hauff war ein studierter Theologe, Hauslehrer, romantischer Literat und Herausgeber aus gut bürgerlichem Haus. Er schrieb in seinen nur 25 Jahre dauernden Leben drei Satiren, 11 Erzählungen, einen Roman und 17 Märchen. Vor allem wegen dieser Märchen soll er nie vergessen werden, denn neben meinen Liebligsmärchen, dem Kalif Storch, zählen dazu das Kalte Herz, der kleine Muck und das Märchen vom falschen Prinzen. Wenn der Arme nicht eine Woche nach der Geburt seiner Tochter an Typhus krepiert wäre, dann… dann wäre Hauff heute der König der Märchen und nicht seine Zeitgenossen, die Gebrüder Grimm. Wahrscheinlich hätte er Goethe, ebenfalls ein Zeitgenosse, überflügelt. ETH Hoffman hielt jedenfalls große Stücke auf seinen Freund.

Aber nun zum Almanach.

Das erste Märchen ist das Märchen vom Märchen im Almanach. Das Märchen, die Tochter der Königin Fantasie, wird auf Erden immer5 mehr ausgelacht und verachtet. Sie klagt ihr Leid ihrer Mutter. Diese rät ihr, sich als Almanach zu verkleiden, vorbei an den Wachen (die hier die Aufklärung und Vernunft repräsentieren sollen) in die Welt zu schlüpfen und zu den Kindern zu gehen. Ein sehr charmantes Märchen, heute vielleicht aktueller denn je und… eigentlich „nur“ die Einleitung.

Danach geht es mit er Rahmenerzählung „Die Karawane“ weiter. Ein Reiter nähert sich einer Karawane, stellt sich als Neffe des Großwesirs von Bagdad vor und gibt an, aus der Gefangenschaft des grausamen Räubers Orbasan entflohen zu sein. Man entschließt, den Fremden mitzunehmen, dieser regt an, gegen die Langeweile während der Rasten Märchen zu erzählen. Alle folgenden Märchen sind in der Rahmenhandlung integriert.

Mit dem orientalischem Setting seiner Märchen traf Willi Hauff den Nerv seiner Zeit (und sollte deswegen heute wieder modern werden, imho. Ich mein jetzt natürlich nicht, dass Europa wieder einen verkitscht, kolonialistischen Blick auf „den Orient“ brauchen. Ich meine, dass es, ähnlich wie damals, eine durch die Weltereignisse bedingte Beschäftigung mit der arabischen und persischen Welt geben wird).

Das erste Märchen ist dann auch mein Kalif Stroch.  Ich liebe dieses Märchen vom Kalifen, der ein Zauberpulver schnupft, sich in einen Storch verwandelt und dann, weil er lachen muss, das Zauberwort vergisst, mit dem er wieder zum Menschen wird.

Die drei folgenden Erzählungen sind dann vielleicht nicht für kleine Kinder geeignet: Die Geschichte von dem Gespensterschiff,(hier geht es um eine klassische Gruselgeschichte. Interessant finde ich den Aspekt, dass bestimmte Koransprüche Gegenstände und Personen vor dem Zugriff der Geister schützen) Die Geschichte von der abgehauenen Hand (eine Kriminalgeschichte, bei der der Held der Erzählung, ein griechischer Kaufmann und Arzt, unwissentlich einen Mord begeht), Die Errettung Fatmes (das könnte tatsächlich auch ein DSA-Abenteuer oder ein Run in einem Cyberpunk-Setting sein. Die Schwester wird entführt, der Bruder macht sich auf, sie zu befreien, lehrt den Räuber Orbasan kennen, dringt mit dessen Hilfe in ein Schloss ein und löst am Schluss die Queste). Die Geschichte von dem kleinen Muck dürfte eigentlich bekannt sein. Ich hab sie nicht nur zig mal gesehen, ich hatte als Kind auch eine Hörspielkasette davon. Das Märchen vom falschen Prinzen dürfte weniger bekannt sein, obwohl es schon mehrfach verfilmt wurde.

Kleiner Spoiler am Rande: Die Rahmenhanndlung, die abgehauen Hand und Fatmes Errettung werden durch den Räuber Orbasan miteinander in Verbindung gesetzt. Der Räuber selber ist die schillerndste Figur, die mir bisher in Orient-Romanen begegnet ist. Franzose, in Ägypten aufgewachsen, wegen der Revolution verlor er viele Verwandte, von der Braut seines Bruders ins Unglück gestürzt, kämpfte er auf der Seite der Ägypter gegen Napoleon und wird dann zum Räuberhauptmann. In Facebook suchen sie gerade einen Hintergrund für einen Räuber… hier kann man ihn finden!

Lohnt sich der Kauf des Almanachs 2018? Ja. Alleine für den Kalif Storch, den Kleinen Muck, dem falschen Prinzen und der wunderschönen Einstigserzählung vom Märchen im Almanach. Märchenfans können hier getrost zugreifen. FürRollenspieler ist der Almanach auch interessant. Aus dem Gespensterschiff, der abgehauenen Hand und der Errettung Fatmes lassen sich mit wenig Einsatz Abenteuer basteln. Die Rahmenhandlung bringt mich zudem auf eine Idee: Wie wäre es, verschiedene One-Shots mit einem Rahmen zu verbinden und den Spielern_innen dies als Paket anzubieten?

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2 Gedanken zu „Rezension: Wilhelm Hauff – Märchen-Almanach auf das Jahr 1826 für Söhne und Töchter gebildeter Stände

  1. Kadomi

    Ich habe als Kind die Märchensammlung bis zum Zerfleddern gelesen, habe sie alle geliebt. Ich habe mich als Kind sehr über das Geisterschiff gegruselt. Wer Hauff nicht kennt, hat wirklich eine echte Bildungslücke!

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