Des Trolls Monsterhandbuch und Karneval der Rollensielblogns [Re: Monster vom Mai 2013]: Einhörn oder Pony am Stiel

Eine Fantasykreatur, die momentan Hochkonjunktur zu haben scheint, ist das Einhorn. Wir alle wissen, wie wir uns Einhörner vorzustellen haben: Pferde, die ein langes, magisches Horn auf der Stirn tragen, als Alicorn gar geflügelt sind. Einhörner haben ja schon seit den 80gern eine gewisse Präsenz im Fantasy-Genre, aber momentan… Einhornbratwurst, Einhornkotze, Einhorst-und-Pegatussi-Hörspiele….Woher verdammt nochmal kommen die Biester?

Auf der Suche nach dem Einhorn

Es scheint, als ginge die mythische Kreatur “Einhorn” auf vier Quellen/Tatsachen zurück:

  • ein paar Künstlern aus der Indus-Kultur und Mesopotamien, die Stiere, Ziegen und Antilopen streng in einer Seitenansicht darstellten, bei der das eine Horn das andere verdeckt
  • ein paar Rehe, Ziegen und Rindern, denen dank ihrer Gene das Geweih/Horn mitten in der Stirn spross
  • einem, nein, DEM Bestiarum aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert, das von Typen geschrieben wurde, die noch nie ein Wildtier beobachtet hatten und unbedingt alle Lebewesen in die Kategorie Gut (als Allegorie für Christus) und Böse (als Allegorie für Satan) einteilen wollten.
  • wiedermal einen Übersetzungsfehler vom häbräischen ins griechische ins Deutsche.

Fangen wir also an, unser Bild vom Einhorn als Pferd mit Hörnchen gründlich zu zerlegen. Vielleicht lässt sich ja daraus etwas neues fürs Rollenspiel bauen.

Die ersten Darstellungen von Einhörnern gab es schon in der Indus-Kultr  (etwa 2500 v.Ch). Tonscherben zeigen ein Wesen, dass von Rind über Ziege zu Pferd alles sein kann, entweder mit leicht gebogenen oder Antilopenhörnern. Das Nächste mal taucht so eine Darstellung in Mesopotamien (etwa 600 v.Ch) auf. In die griechisch/römisch/europäische Kulturwelt kam das Vieh dann durch ein… heute würde man Märchenbuch dazu sagen… Buch über Indien um etwa 400 v.Ch. In die Mythenwelt der Griechen hat es das Einhorn nicht geschafft. Zunächst.

Wo es doch hier gerade um Darstellung geht… die meisten modernen Einhörner werden anders dargestellt aus ihre Originale. Frei nach der Bibel: An den Zehen werdet Ihr sie erkennen. Da die ersten Darstellungen von Einhörnern in Wirklichkeit Ziegen und Rinder zeigten, wurden die Einhörner bis vor wenigen Jahrzehnten als Paarhufer (also mit zwei Zehen) dargestellt. Pferde sind aber Unpaarhufer, die haben nur eine Zehe. Mir ist das selber erst vor etwa vier Wochen aufgefallen. Im KIKA lief “das Tapfere Schneiderlein”, irgend eine DDR-Märchenverfilmung. Das wilde Einhorn wurde von zwei Menschen im Pferd-am-Stiel-Kostüm gespielt, die Hufe aber waren gespalten. Mir viel das ganze auf, ich hab mich darüber lustig gemacht, jetzt hab ich recherchiert und muss Asche auf mein Haupt werfen. Der Kostümbildner hatte recht, ich lag falsch. Auch auf alten Bildern oder Statuen sieht man recht schön, dass Einhörner als Paarhufer dargestellt werden.

Einhorn auf einer Medaille von Pisanello (um 1447), ausgestellt 2001 in der National Gallery of Arts, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Pisanello.Medaille_Einhorn.jpg

Das mit dem einen Horn auf der Stirn lässt sich übrigens auf mehrere Weisen klären. Ein Ansatz ist, dass Fossilien von Mammut oder von Elasmotherium, eine Art Nashorn mit einem massiven, ich meine MASSIVEN Horn, gefunden wurden und so die Einhorn-Legende entstand. Eine andere Spur führt zu Onix-Antilopen, bei denen ein Horn gebrochen ist und das unverletzte Horn diese zu “Einhörnern” macht. Genetisch ist eine Einhorn-Disposition möglich, zumindest streifte vor nicht allzu langer Zeit ein Einhorn-Reh durch Italien. Auch künstliche Einhörner gab es schon: Ziegen, deren Hörner beim Wachsen so in Form gebogen wurden, dass diese zu einem Horn verschmolzen oder Kälber, denen man eine Hornknospe auf die Stirn verpflanze und die dann in Folge ein gerades Horn entwickelten.

Kommen wir zum Physiologus. DEM Bestiarum. Das Büchlein wurde irgendwann zwischen dem 2. und 4 Jahrhundert auf altgriechisch geschrieben und sollte eine Naturlehre aus christlicher Sicht darstellen. Oh Boy, ging das schief. Nicht jetzt die christliche Lehre und die Popularität,da war das Buch ein Kassenschlager, dass bis 1500 aufgelegt wurde. Nein, der Bereich Natur war eine Katastrophe. Kostprobe gefällig?

So heizzit ein andir tier rinocerus, daz ist einhurno, un ist uile lucil un ist so gezal, daz imo niman geuolgen nemag, noh ez nemag ze neheinero uuis geuanen uuerdin. So sezzet min ein magitin dar tes tiris uard ist. So ez si gesihit, so lofet ez ziro. Ist siu denne uuarhafto magit, so sprinet ez in iro parm unde spilit mit iro. So chumit der iagere unde uait ez. Daz bezeichenet unserin trotin Christin, der dir lucil uuas durih di deumuti der menischun geburte. Daz eina horin daz bezeichenet einen got. Also demo einhurnin niman geuolgen nemag, so nemag ouh nehein man uernemin daz gerune unsiris trotinis, noh nemahta uone nehenigemo menislichemo ougin geseuin uuerdin, er er uon der magede libe mennesgen lihhamin finc, dar er unsih mite losta.

Quelle: Der Ältere Physiologus, um 1070.

Der Igel steigt auf eine Rebe, wirft die Beeren einer Traube herab, wälzt sich dann darin und trägt sie an seine Stacheln gespiesst seinen Jungen zum Frass; die Rebe aber lässt er leer stehen. Du aber, o Mensch, bewahre den geistlichen Weinberg deiner Seele vor den Nachstellungen des Teufels.

Quelle:The Greek Physiologus. Deutsche Übersetzung.

Exkurs: Bei Eskapotcast waren Bestiarien vor kurzem das Thema.Die Frage war, ob die Büchlein auch in die Hand von Spielenden gehören.IMHO ja, wenn Spieler_innen zwischen Spieler_innenwissen und Helden_innenwissen trennen können. Ist das nicht der Fall oder sind die Spieler_innen noch neu im Rollenspiel, könnte man ihnen ein Bestiarium im Spiel zur Hand geben, das virtuelle Buch aber im RL mit einem Bestiarium aus Physiologus-Testen ergänzt um relevante Infos abbilden.

 

Und nun… die Bibel. Da taucht ein Wort auf, dass transkribierte re’em gesprochen wird und etwa neun mal im Alten Testament, vor allem in den Teilen, die bis in die Bronzezeit zurückreichen (Nummeri, Psalmen, Hiob). Modern wird das Wort als “Auerochse” übersetzt, die griechischen Übersetzer haben es dann verbockt und als “monokeros” übersetzt, das dann wörtlich “Einhorn” bedeutet. Aus

Gott hat sie aus Ägypten geführt; seine Freudigkeit ist wie eines Einhorns.
(Numeri 23:22 aus der Lutherbibel von 1912)

wird in der aktuellen Einheitsübersetzung zu

Gott hat sie aus Ägypten geführt. Er hat Hörner wie ein Wildstier.
Quelle: Bibelwerk.de

Wir haben also unser Einhorn gefunden. Einen Auerochsen. Im Profil. Ein bischen enttäuschend, vor allem wenn man an Das letzte Einhorn und DSA denkt

 

Andere Länder, andere Einhörner

Anfang Dezember 2012 gab es im deutschen Blätterwald ein rauschen, dass von gehässig bis amüsiert ging.Da hatten doch nordkoreanisch Archeologen in Pyongyang eine echte Einhornhöhle entdeckt, passenderweise mit einem Schildchen vorm Eingang, auf dem “Einhornhöhle” draufstand. Lustig, diese Nordkoreaner. Keine Ahnung von gar nichts, kaum Futter zum Fressen, nominal Kommunismus mit einem wahnsinnigen Führer, und dann finden die eine Einhornhöhle. Eine Sternstunde des deutschen Journalismus… NICHT!

Hätten sich die Jornalisten_innen mal fünf Minuten auf den Hosenboden gesetzt und nicht nach Einhornfotos im Netz gegoogelt, hätten die recht schnell bemerkt, dass das chinesische/koreanische Einhorn so gar nichts mit unserer Vorstellung von Einhorn zu tun hat. Das Biest, um das es geht, ist ein Qilin, eine Mischung aus Drache, Löwe, Hirsch (das Geweih) und Ochse und Pferd. In China und Korea gilt es,ähnlich wie unser Einhorn, als gutes, friedfertiges, reines, glückbringendes Geschöpf und steht als Glücksbringer noch vor Phönix und Drache.

Das dort in Nordkorea in Pyongyang eine Einhornhöhle gefunden wurde, hat einen ganz anderen Hintergrund: Der erste König auf koreanischem Boden ritt auf einem Qilin durch die Luft. Dort, wo er landete, gründete er die Hauptstadt seines Reiches. Vor 500 Jahren wäre eine solche “Entdeckung” als demonstrativer Machtanspruch über Korea verstanden worden, heute aber….

Übrigens: Der Qilin taucht in Tharun als Hornlöwe auf. Passt für ein Asia-Setting.

Neue Einhörner braucht das Land

Nachdem wir unserem Pony am Stiel mal mit Stil auf den Zahn gefühlt haben und feststellen mussten, dass da eine Ziege, ein Ur oder, im elegantesten Fall, eine Antilope vor uns steht, stellt sich die Frage, was wir denn mit den Bruchstücken unseres Einhorns so anstellen können.

Wie wäre es mit einer Junfernprobe.Die Herrscher zweier verfeindeten Königreiche haben sich auf einen Frieden verständigt. Dieser soll durch die Hochzeit der Kinder der beiden gefestigt werden. Doch einer der beiden Herrscher verlangt eine Probe auf die Reinheit der Braut. Sie soll zu einem bekannten Wald reisen und dort ein Einhorn fangen. Die Helden_innen sollen die körperliche und seelische Reinheit der Jungfer garantieren.Sollten sie scheitern, droht ein Krieg und den Helden_innen der Scharfrichter.

Ich schreibe hier absichtlich von körperlicher und Geistiger Reinheit. Traumata wie Ermordete, Krieg, Häretiker und Barleben (zotige Witze, Trunkenheit) können die Reinheit einer Jungfer genauso zerstören wie… SEX. Hier bräuchte man so eine Art Reinheitsskala, die durch solche Ereignisse herabgesetzt wird, die man aber durch fasten, beten und Werke der Mildtätigkeit wieder steigern kann. Wenn die Skala auf 0 fällt, dann wird sich das Einhorn angewidert von der Prinzessin abwenden, fällt das ganze sogar unter 0, dann wird aus dem friedlichen Tier eine wilde Bestie, die das Land verheert. Vielleicht ist es dann ratsam, die Jungfenprobe mit einem als Einhorn verkleideten Ziegenbock durchzuführen…

Im Zuge der Gleichberechtigung: Natürlich kann es sich auch um einen Jüngling handeln, der da auf Reinheit geprüft werden muss…

 

Nachtrag: Der Thron der dänischen Könige_innen wurde 1671 aus Ainkhürn (Einhornhorn, sprich Narwalzähne) geschnitzt. Was für ein Artefakt für ein Fantasy-Rollenspiel!

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