Rezensionen, Rezensionen: Der Troll ließt Bücher

Straubinger Kalender Jahrgang 424

Als erstes möchte ich euch heute mal was ganz besonderes Vorstellen, nämlich Deutschlands ältesten Heimatkalender, der gerade in der 424. Ausgabe für 2020 erschienen ist. Bei mir zuhause, ich komme ja aus dem Landkreis Straubing-Bogen, ist das Teil eine Institution. Fast jeder hat irgendwo eine oder mehrere Ausgaben rumliegen, mein z.B. Vater sammelt die Dinger.

Was ist der Straubinger Kalender? Ein wildes Sammelsurium an Gedichten, Kurzgeschichten, Hinterkünftigem (hinterkünftig: mit Hintergedanken, zum Nachdenken anregend, mit einer auf den ersten Blick nicht sofort erkennbaren Bedeutungsebene. Bsp.: hinterkünftiger Humor ist feiner Wortwitz, der erst durch nachdenken erkennbar wird) und Geschichten aus der Geschichte, gegliedert nach Jahreszeiten von lokalen Schriftstellern und Gschichtlschreibern. Mein Vater hat dieses Jahr seine zweite Geschichte darin untergebracht, die ich dann unten posten werde.

Die Geschichten aus der Geschichte machen auch die Ausgabe für Rollenspieler interessant, die gerne Abenteuer in Settings spielen, die von etwa 1871 bis 1960 reichen. In dieser Ausgabe ist, neben einem Aufsatz über den Weg von Draisine zu Fahrrad, auch ein gekürzter Aufsatz über den Straubinger Metzgeraufstand vom März 1920 zu lesen, der damals 2 Tote forderte und überregional Beachtung fand. Im Grunde ging es darum, dass zwei Metzgermeister sich nicht an das Verbot von Schwarzschlachtungen gehalten haben, durch Beamte aus München verhaftet wurden und die Bevölkerung, die unter einer Lebensmittelknappheit litt, den Aufstand gegen die neue Obrigkeit probten.

Der Kalender kostet 5,20 € und ist 285 Seiten dick.

 

Bernd Posselt erzählt Europa: Geschichte und Personen, Bauplan und Visionen

Bernd Posselt zählt zu den wenigen Politikern, die imho richtig gut sind. Ich mag seine Art, wie er die Sudetendeutsche Landsmannschaft führt, sich für Europa einsetzt oder zur Flüchtlingspolitik äußert. Nun hat Bernd Posselt ein Buch (Achtung, Affinity Link) geschrieben, ein Plädoyer für ein geeintes, starkes Europa. Für meinen Geschmack etwas zu langatmig, für einen Europafan oder Geschichtsfreak dennoch interessant.

 

Verrückt nach Karten: Geniale Geschichten von fantastischen Ländern. Wie Leidenschaft für Kartographie Leser & Autoren, Geschichte & Geographie, Anatomie & Philosophie, Realität & Fantasie verbindet!

Dieses Buch (Achtung, bezahlter Link) ist ein interessantes Buch. Nicht wegen der Essays von Autoren und Illustratoren aus dem Fantasy- und Fiktionbereich, sondern wegen der vielen Karten, teilweise echte historische, teilweise aber fiktionale Karten, die in diesem Buch versammelt sind. Besonders die Karten zum Herrn der Ringe, zu Game of Thrones und zu Winnie Puhpu haben es mir angetan. Von den realen Karten war da ein Bild, die eine Karte der Inuit zeigte, das mich fasziniert hat. Die haben auf die Karte auch noch eine Art Kalender gemalt, der anzeigte, wann man wo mit den Europäern Pelze handeln konnte. Die Idee hinter der Karte hab ich dann für die Karte in „Tötet den Drachen!“ übernommen. Ein weiteres Problem neben den Texten der Autoren, zu denen ich keinen Zugang fand ist, dass die deutsche Fantasy (ich denke da an Walter Moers oder Wolfgang und Heike Hohlbein) nicht drin ist.

 

Und nun, wie versprochen, die Kurzgeschichte meines Vaters, die es in die Ausgabe des Straubinger Kalenders schaffte:


Glei passiert ebbs!

Einen Kilometer vom Dorf entfernt auf einer Anhöhe, dort wo wir wohnen, ist an Silvester ein herrlicher Aussichtspunkt. Bei klarer Witterung kann man hier das Feuerwerk von mehreren Dörfern bestaunen. Ja man kann sogar deutlich erkennen wo und von wem die schönsten Raketen in den Himmel geschossen werden. Wir selber allerdings haben uns nie daran  beteiligt, auch wenn es in der Jugend schon manchmal juckte auch einige zu starten. Dass ich mich aber am letzten Tag eines Jahres einmal dermaßen dumm damit anstellen könnte, hätte ich nicht gedacht. Es war in der Zeit als unsere Kinder auch schon aufbleiben und das Feuerwerk sehen wollten, da fand ich in einen Geschäft ein Tischfeuerwerk. Sofort kaufte ich es, um ihnen damit die Warterei zu verkürzen. Der Inhalt waren mehrere  Wunderkerzen, Knallbonbons, Heuler, Flitterwerfer sowie ein besonderes Ding. Es war nicht rund und nicht eckig sondern fast wie ein Felsblock (unten breit oben schmal) geformt.  Die Höhe betrug ungefähr 20 cm. Die Zahl des neuen Jahres war in der Mitte des Teiles rot beschriftet, während der Rest in schwarz gehalten war und sich eigentlich auch leicht anfühlte. Am oberen Ende waren zwei Spitzen geformt, aus denen jeweils sowas wie eine Zündschnur herausragte. Obwohl bei den anderen Teilen die Handhabung schön beschrieben war, fand ich an ihm nichts dergleichen. Meine Frau meinte: „Des doa ma af d`Seitn, wer woas wos des wirkle is. “

Die Kinder freuten sich sehr über das restliche Tischfeuerwerk und den Verlauf des Abends. Als sie dann müde ins Bett stiegen nahm ich das unförmige Ding in meine Hand und sagte: „Des dua i etz nachad okentn, weil i wissen mecht, ob se ebbs duat und wos des eigendlich genau is.“ Meine Frau meinte entrüstet: „Aber ned im Haus, geh liaba im Hof damit ausse, von Fenster aus ko ma nachad recht schee zuaschaun.“ Natürlich folgte ich ihren Rat, ja ich stellte das Ding sogar auf eine umgedrehte Zinkwanne, den sicher ist sicher dacht ich mir. Vorsichtig wurden die beiden Dochte jetzt angezündet um dann schnell ins Haus zurück zu gehen. Gemeinsam warteten wir nun auf das was folgen werde. Die Zündschnüre brannten immer noch langsam dahin, nach einiger Zeit begann die neue Jahreszahl rötlich zu schimmern.

„War des etz ois“ wurde ich gfragt?  „I glaub ned, wahrscheinlich is innendrin no ebbs vielleicht a kloane Fontäne oder wos anders, müaß ma hoit no a wengal woatn.“

Wir warteten, jetzt aber nicht mehr gemeinsam, sondern abwechselnd, immer in der Hoffnung gleich passiert ebbs. Aber es passierte nichts. Langsam wurde es uns dann doch zu dumm deshalb bestimmte ich: „Etz geh i ausse und lösch des Glump aus.  Moang in da Früah zerleg es und schau dann des Dings genau o.“ Meine Frau war damit einverstanden bat aber noch „Paß fei af, ned das akrad nachad, wenn du danebn stehst, irgend ebbs losgeht.“

Als wir am nächsten Morgen noch mit Aufräumarbeiten beschäftig waren läuterte es plötzlich sturm an der Haustüre. Davor stand unser ältester Sohn er hatte das Ding in seiner Hand. „Wos mechts an mit der Kerzn im Hof draust?“ Wir sahen uns beide an und begannen gleichzeitig zu lachen. „ Mei hama mir bled! Zwoa Stund wart ma vorm Fenster das ebbs passiert und schau ma de ganze Zeit tatsächlich glatt a ganz gwöhnlichen Kerzn beim Abbrennen zua!“ „In Zukunft a Glaserl Sekt weniger oder glei mi frong“ kommentierte unser Ältester, drückte mir den Rest der Kerze in die Hand und verschwand in seinem Zimmer.

 

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