Karneval der Rollenspielblogs: Moon Horax

Nein, dieser Artikel hat nichts mit der Mondverschwörung zu tun, die behauptet, dass die Amis nie auf dem Mond waren und Kubrick das Ganze im Studio gefilmt hat (jeder weiß, dass Kubrick das gefilmt hat. Aber der war ja so ein Pedant, dass er auf Aufnahmen am Originalschauplatz bestand… 😉 ). Nein, den Moon Horax den ich meine, fand dieser Tage vor 184 Jahren satt. Die Namen der Beteiligten ließt sich wie ein Who-is-Who und die Auswirkungen wirken weit bis in unsere Zeit hinein. Spuren des Horax findet man auch bei DSA, wenn man weiß, wo man suchen muss.

 

1. Akt: Edgar Allan Poe und eine Ballonfahrt zum Mond

Edgar Alöan Poe stand im Mai/Juni 1835 noch ganz am Anfang seiner Schriftstellerkariere. In wenigen Monaten wird er seine Cousine (die war damals grade 13 Jahre alt) heiraten. In der Southern Literary Messenger veröffentlicht er eine Kurzgeschichte über eine Ballonreise zum Mond, sein Lektor ist Richard Adams Locke. Die Geschichte war eigentlich als Horax geplant, wurde aber ein Stück Fiction-Literatur. Die Southern Literary Messenger war eine in Richmond, die 10 Monate zuvor gegründet wurde und noch bis zum Bürgerkrieg publizierte. Das war im Grunde so eine Art Straubinger Kalender. Die Geschichte dürfte zu ihrer Zeit nicht sooo bekannt gewesen sein, der literarische Einschlag war also eher mäßig.

Poe war übrigens nicht der Erste, der sich so mit dem Mond beschäftigte, genausowenig wie Richard Locke der erste war, der an einen belebten Mond nachdachte. Namhafte Astrologen ihrer Zeit hielten Leben auf dem Trabanten für möglich, wollten Häuser und andere Infrastruktur aauf dem Planeten entdeckt haben und schätzten die Mondbevölkerung höher ein als die auf der Erde. So z.B. Franz von Paula Gruithuisen, ein deutscher Arzt und Astronom, der entsprechendes 1824 veröffentlichte.

 

2. Akt: Richard Adams Locke, Sir John Herschel und Fake News in der New York Sun

Ein Schwindel wird ein guter Schwindel, wenn er zumindest ein Körnchen Wahrheit enthält. Im Falle des Moon Horax war die Wahrheit folgende: Der Britische Astronom Sir John Herschel war zur Zeit des Artikels in Südafrika, um den Himmel zu beobachten.

Der Rest der Geschichte aber ist Fiktion. Fiktion geschrieben von Richard Adams Locke. Ab dem 25. August bis einschließlich 31. August erschienen in der New York Sun täglich Artikel, die die erstaunlichsten Entdeckungen auf dem Mond verkünden, Eben gemacht von Sir Herschel mit seinem neuartigen Superteleskop. Nicht nur will man Strukturen auf dem Mond entdeckt haben, die an Häuser erinnert, nein, sogar Ziegen und… jetzt kommts, die Mondbewohner selber habe man entdeckt!

Vespertilio homo (Fledermausmensch aus der italienischen Ausgabe der Mond-Ente: Delle Scoperte Fatte Nella Luna del Dottor Giovanni Herschel.) Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für das Herkunftsland des Werks und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers.

Sie waren ungefähr 4 Fuß hoch, waren, mit Ausnahme des Gesichts, mit kurzen, glatten, kupferfarbigen Haaren bedeckt, und hatten Flügel, welche aus einer dünnen elastischen Haut ohne Haaren bestanden, die hinten zusammengerollt von der Schulterspitze bis zu den Waden lag. Das Gesicht, welches von gelblicher Fleischfarbe war, zeigte eine kleine Veredlung gegen das des großen Orangutangs, da es offener und klüger aussah und eine weit größere Ausdehnung des Vorkopfes zeigte. Indeß war der Mund sehr hervorstehend, obgleich dies etwas durch einen dicken Bart auf dem untern Kinnbacken und durch Lippen von weit menschlicherer Form als diejenigen irgend einer Species des Affengeschlechts verdeckt wurde. […] Wir konnten nun bemerken, daß ihre Flügel eine große Ausdehnung besaßen und in der Striktur Fledermausflügeln glichen, da sie aus einer halb durchsichtigen elastischen Haut bestanden, welche in krummlinigen Abtheilungen vermittelst gerader Halbmesser ausgespannt war, die durch die Rückenhaut verbunden wurden. Was uns aber am meisten in Erstaunen setzte, war der Umstand, daß die Membrane von der Schulter bis zu den Beinen hinunter zusammenhängend, obgleich in der Weite abnehmend, war.”

Quelle: Deutsche Übersetzung des Artikels vom 31.08.1835

Die insgesamt 6 Artikel schlugen ein wie eine Bombe. Sie wurden in ganz Amerika nachgedruckt und in viele Sprachen übersetzt, unter anderem in Italienisch und Deutsch. Der damalige Chef der New York Sun Benjamin Day prahlte damit, dass seine Zeitung mit 19.360 Exemplaren die höchste Auflage einer Zeitung Weltweit habe (in Amerika lebten 1850 etwa 26 Millionen Einwohner und die ganze Welt hatte gerade mal 1 Milliarde Bewohner). Abgesehen von dem literarischen Impakt, den ich gleich beleuchten möchte, hatte der Hoax auch damals schon interessante Auswirkungen.

Zum Beispiel für den französischen Mathematiker Nicollet, dem man die Autorenschaft zuschrieb. Am 15.02.1844 schrieb Gauß (ja, genau der mit der Glockenkurve) seinen Sohn, dass er mit seiner neuen Bekanntschaft in den USA (eben jener Nicollet) vorsichtig sein solle, da dieser vor 9 Jahren in den Mond Horax verwickelt gewesen sein soll.

Ein anderes Beispiel ist eine Missionsvereinigung in Springfield, Massachusetts, die ernsthaft erwogen haben soll, Missionare zum Erdtrabanten zu entsenden, um die Fledermausmenschen zu bekehren (Achtung. Ich hab diese Geschichte nur auf der deutschen Wikipedia gefunden, und da ohne Quellenangabe. Das könnte ein Hoax im Hoax sein. Die Geschichte ist aber zu gut, um nicht erzählt zu werden, auch wenn sie erfunden sein sollte).

Am 16.09.1835 platze dann die zweite Bombe. Die New York Sun gab zu, dass die ganze Geschichte von hinten bis vorne erfunden war. Den Absatzzahlen der Sunn hats baer nicht geschafft.

 

3. Akt: Von Jules Verne bis Bernhard Hennen – Der literarische Nachklang

Der Hoax war zwar enttarnt, die Geschichte vorbei, doch literarisch wurde das Thema immer wieder mal aufgegriffen und so zu einem Meme in der Zeit vor der tatsächlichen Mondlandung.

Als erster Autor tritt niemand geringeres als Jules Verne auf. Zur Zeit des Hoax war er etwa 8 Jahre alt und dürfte es zumindest am Rande mitbekommen haben. 1865 erschien dann sein Buch De la Terre à la Lune, bei dem es um den Versuch geht, den Mond per Projektil, das aus einer riesigen Kanone gefeuert wird, zu erreichen. Nur fünf Jahre später erschien dann Autour de la Lune, in dem die Protagonisten den Mond umrunden und wieder zur Erde stürzten. Jules Verne hatte immerhin den Anstand, die Idee, die ja ursprünglich mal von Poe stammte, in Edgard Poe et ses œuvresn (1864), einem Essay über die Werke Poes, als Ideengeber zu loben.

Ein Jahr nachdem De la Terre à la Lune veröffentlicht wurde, wurde H. G. Wells in England geboren. Wells, das war der Typ, der die Zeitmaschine, den Unsichtbaren Man und eben Little Wars, das Regelbuch zum ersten Tabletop, geschrieben hat. 1901 erschien sein The First Man in the Moon, aus dem ich ein Zitat für das Mondkalb entnommen habe. Der Roman ist stark von Verne beeinflusst, auch hier werden die Protagonisten „zum Mond geschossen“. H. G. Wells selbst hat wiederum den Iren C. S. Lewis beeinflusst, der aus der Idee, Menschen in den Weltall zu schießen, gleich eine (ich gebs zu, von christlichen Missionseifer triefende) Trilogie machte. Gut… der Mond war hier nicht mehr das Ziel, eher Mars und Venus.

Mit der Mondlandung 1969 verliert das Meme deutlich an Kraft. Der Belebte Mond taucht nun nur noch in Adaptionen des Stoffes von Verne und Wells auf. Neue Memes entstehen, unter anderem das von der Mondverschwörung oder das Meme vom Astronauten, der seine Fahne in den Mond rammt (Rammstein).

Die Vespertilio homo feiern dann im November 1990 ihre Wiederauferstehung. Bernhard Hennen lässt in der Sagasso-See den verrückten Chimärologen Vespertilio Organodie Lederschwingen erschaffen, die laut wiki aventurica genau so aussehen wie die in dem Hoax beschriebenen Fledermausmenschen. Das passt übrigens gut, Vespertilio ist der lateinische Name der Gattung der Glattnasenfledermäuse.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/fb/Great-Moon-Hoax-1835-New-York-Sun-lithograph-298px.jpg/640px-Great-Moon-Hoax-1835-New-York-Sun-lithograph-298px.jpg

Rough image of the lithograph of the „ruby amphitheater“ described in the New York Sun newspaper (August 28, 1835): Our plain was of course immediately covered with the ruby front of this mighty amphitheater, its tall figures, leaping cascades, and rugged caverns. As its almost interminable sweep was measured off on the canvass, we frequently saw long lines of some yellow metal hanging from the crevices of the horizontal strata in will net-work, or straight pendant branches. We of course concluded that this was virgin gold, and we had no assay-master to prove to the contrary. This work is in the public domain in its country of origin and other countries and areas where the copyright term is the author’s life plus 70 years or fewer.

Der Moon Horax und das Rollenspiel

Zwei Dinge waren es, die mich bei der Recherche zu diesem Artikel geflasht haben. Zum einen, wie viele berühmte Köpfe da direkt oder indirekt mit drinsteckten. Poe, Verne, Gauß, Wells, Lewis… der Wahnsinn! Mir war nicht klar, wie nah die alle zusammen lebten und sich gegenseitig beeinflussten. Zum anderen… die Geschichte mit den Spenden für die Missionierung der Fledermausmenschen! Wenn das nicht der Plot für ein Western-Abenteuer ist!

Die kleine, naive Gemeinde in der Prärie. Der junge, engagierte Prediger, der die 1.000 $(das aktuell sind gut 30.000,00 §)  in einer kleinen Kiste nach Springfield zu seinem Kirchenoberen bringen muss. Die Held*innen und der Prediger zusammen in der Postkutsche. Banditen….

Auch die Frage, wie denn die Missionar zum Mond kommen soll (per Kugel wie bei Jules Verne und Nachfolger), wer denn in die Kugel einsteigt und sich Abfeuern lässt und ob das nicht doch alles ein Hoax ist, um das Geld der Gläubigen zu kommen, durfte Stoff für ein spannendes Abenteuer sein.

Und natürlich hat man in der Fantasy ja immer noch die Option, dass da tatsächlich Fledermausmenschen auf dem Mond leben. Wie gestaltet sich der Erstkontakt? Haben die Laserwaffen und wie kann mein Cowboy dagegen anstinken. Was, wenn die Fledermausmenschen die Erde erobern wollen? Und, für Pulp-Rollenspiele, die in einem Setting nach 1945 angesiedelt sind, was sagen die Mond-Nazis zu den Fledermausmenschen?

 

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Great_Moon_Hoax

https://en.wikipedia.org/wiki/Great_Moon_Hoax

http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2019/06/17/der-great-moon-hoax-fledermausmenschen-auf-dem-mond/

6 Gedanken zu „Karneval der Rollenspielblogs: Moon Horax

  1. Pingback: dnalors Mondenfahrt – Nuntiovolo.de

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