Ein perfekter Run… in der Realität: Der Fall Carlos Ghosn aus rollenspielerischer Sicht

Mich wundert, dass niemand aus der hochverehrten Rollenspieler-Blog-O-Sphere die Geschichte um den ehemaligen CEO von Renault-Nissan-Mitsubishi aufgegriffen und näher beleuchtet hat. Dabei wäre das ganze die perfekte Vorlage für einen Run in jedem Cyberpunk-System. Lasst uns also die Geschichte mal ausrollen, beleuchten und fürs Rollenspiel aufarbeiten.


Carlos Ghosn

Fangen wir mal mit der Hauptfigur an. Carlos Ghosn ist christlicher Libanese und wurde 1954 in Brasilien geboren (daher die brasilianische Staatsbürgerschaft). Anfang der 60ger zog seine Familie zurück in die alte Heimat (libanesische Staatsbürgerschaft) und schickte ihren Spross auf eine französische Schule. In den 70gern studierte Carlos Ghosn dann in Paris (Ingeneurswissenschaften) und trat dann 1978 in die Dienste Michelins (hier holte er sich irgendwann Staatsbürgerschaft Nummer 3).

Für alle, die hier mitlesen und zu jung sind: Mitte-Ende der 90ger gabs weltweit eine Automobilkriese. Die Konzerne waren damals defizitär, hatten auf Halde produziert und kaum jemand wollte die Autos haben. 1996 kam Ghosn als EVP zu Renault und wurde 1999 zu Nissan als Sanierer geschickt. Nissan wurde ein paar Jahre zuvor von Renault für ein Appel und ein Ei geschluckt.

Seit 2001 war er Vorstandschef bei Nissan, seit 2005 zusätzlich bei Renault und seit 2016 begleitete er das Amt des Vorsitzenden des Verwaltungsrates bei Mitsubishi (Nissan hält etwas mehr als 44% an Mitsubishi). Wenn man bedenkt, dass er 5 Sprachen fließend spricht… Ladys and Gentleman: Mr Worldwide!

Das beste kommt aber noch: Der Typ hat seinen eigenen Superhelden-Manga: Carlos Ghosn Monogatari – Kigyou Saisei no Kotae wa Koko ni Aru! The True Story Of Carlos Ghosn. Darin hat er die Superkraft, jedes Automodell nur am Motorengeräusch zu erkennen.

 

Die Anschuldigungen

Die Anschuldigungen, sollten sie wahr sein, haben es in sich. Der Weltbürger Ghosn soll sich von Nissan und einer Tochterfirma, die Risikokapital investieren soll, seine Häuser in Brasilien, Paris und im Libanon finanzieren lassen und somit Firmenvermögen veruntreut haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang, ass er ohne Wissen des Vorstandes von Nissan und Mitsubishi aus einem niederländischen Joint Venture ein ordentliches Salär abzweigt haben soll. Jedenfalls war er wegen Veruntreuung, Korruption und Steuerhinterziehung für insgesamt 108 Tage in Untersuchungshaft, bevor er auf Kaution freikam. Laut Wikipedia und Medien reden wir von einem Gesamtschaden von mindestens 30 Millionen US-Dollars… konservativ geschätzt.

Die ganze Geschichte hat auch noch weitere Dimensionen. Da Ghosn französischer Staatsbürger ist, schaltete seine Frau auch Emanuel Macron ein, um ihn freizubekommen. Eine Untersuchung bei Renault hatte übrigens dort keine Unregelmäßigkeiten feststellen können. Eine weitere Dimension ist die Geschichte über die Rechtsstaatlichkeit der japanischen Justiz. Ghosn motzte da nach seiner Flucht ziemlich rum, dass Japans Justiz voreingenommen und in ihrer Entscheidung nicht frei sei. Ziemlich starke Behauptung, auf den ersten Blick, ist Japan doch auf Rang 15 von 126 des Rechtstaatlichkeitsindex der WJO (Deutschland ist auf Platz 6, Brasilien auf 53, Frankreich auf der 17, der Libanon auf 89 und die USA auf Platz 20). Anders wird der Blick darauf, wenn man weiß, dass man in Japan nur 23 Tage ohne Anklage festgehalten werden darf, bei Ghosn waren es ja 108 Tage (insgesamt, 53 Tagen am Stück). Der Trick ist, dass nach 23 Tagen neue Anklagepunkte genannt werden. Also, man fängt mit Veruntreuung an, nach 23 Tagen kommt Steuerhinterziehung dazu, nach 23 weiteren Tagen Korruption usw. Ziel ist es, ein Geständnis zu erpressen. Die Praxis nennt sich Hitojichi shihō. Das Geständnis ist im asiatischen Kulturraum, speziell in Japan, sehr wichtig. Bei fast 90% aller Verurteilungen in Japan spielten Geständnisse eine entscheidende Rolle. Erinnert ihr euch an Detektiv Conan? Die Anime-Serie? Am Ende jeder Folge, wenn Conan den Täter überführt hat, gestehen die Überführten ihre Tat. Im Real Life heißt das, dass ein 12 Stunden langes Verhör ohne Anwalt.

 

Die Flucht

In der Nacht vom 29.12.2019 auf den 30.12.2019 floh Ghosn dann aus Tokio. Wie er floh, war wohl filmreif. Am 29.12 gegen 14:30 traf er seine beiden Fluchthelfer. Zusammen fuhren sie zu einem Hotel in der Nähe des Kansai International Airports. Dieser Flughafen allein hats schon in sich, liegt er doch auf einer künstlichen Insel mitten in einer japanischen Bucht. Folgt ruhig den Link und schaut euch das mal an. Jedenfalls gingen drei Herren ins Hotell rein und zwei kamen mit einem großen Koffer für Musikanlagen wieder raus. Der Koffer sollte dann in ein bereitstehendes Charterflugzeug geladen werden. Da der Koffer aber zu groß war und nicht durch die Röntgenanlage passte, hat man ihn einfach so verladen. Ohne X-Rays konnten die auch nicht feststellen, dass in dem Koffer der körperlich eher kleine Ghosn saß. Um halb 12 nachts flog er dann aus Japan weg, um halb 6 morgens traf er in Istanbul ein, zeigte den französischen Reisepass vor, den er nicht zusammen mit seinem anderen französischen, dem brasilianischen und libanesischen Pass abgegeben hatte (als Teil der Kautionsauflagen) und flog dann ganz gemütlich nach Beirut weiter. Dort meldete er sich dann per Interview zu Wort, schimpfte auf die nicht rechtstaatliche Justiz in Japan und freut sich seines Lebens, da der Libanon und Japan kein Auslieferungsabkommen haben. Ersten berichten zufolge soll seine Frau die Fluchthelfer angeheuert haben, im Exil nimmt diese Aufgabe aber Ghosn auf sich (wahrscheinlich um seine Frau vor Verfolgung durch die Strafbehörden zu schützen). Mittlerweile sitzt Ghosn wieder in einer Art Hausarrest, er darf den Libanon auf betreiben Japans nicht mehr verlassen.

 

Fürs Rollenspiel

Eine Auftraggeberin, die verzweifelt genug ist, für (ziemlich sicher) ganz viel Geld Runner anzuheuern. Ein hochrangiger Manager einer weltweiten Firma, der mutmaßlich Dreck am Stecken hat. Ein Verdächtiger, der zwar aus der Haft freigelassen wurde, aber das Land / die Stadt / das Haus nicht verlassen kann. Eine Kiste, die zu groß ist, um gescannt zu werden. Ein Flüchtling in der Kiste. Ein Flug bei Nacht und Nebel. Japan. Istanbul. Reisepässe, gefälschte Papiere.

Hier ist wirklich alles dabei, was man für einen guten Heist /Run braucht. Andererseits bietet sichhier auch ein Detektivabenteuer an. Wie konnte der Beschuldigte entkommen. Wie kann ich verhindern, dass der Beschuldigte entkommt? Auch Agentengeschichten sind drin: Wie wäre es, wenn die Runner geschickt werden, um den Geflohenen zurück in den Geltungsbereich der japanischen Justiz zu bringen? Dread oder One Last Job würden sich hier anbieten, genauso wie Shadowrun, Savage World oder auch Dungeon Slayers.

Was aber, wenn die Geschichte tatsächlich eine Intrige ist, so wie Ghosn es behauptet? Beweise für die Verschwörung müssen gesammelt, Beamte bestochen, Politiker bearbeitet werden.

So wird aus einem (eigentlich drögen) Wirtschaftskrimi ein actionreiches Rollenspiel.

2 Gedanken zu „Ein perfekter Run… in der Realität: Der Fall Carlos Ghosn aus rollenspielerischer Sicht

  1. yennico

    Ich hatte bei der Geschichte zwei Gedanken. Zum einem wie setzte ich das im Rollenspiel um und zum anderen: übergroße Kiste ungescannt durch die Kontrollen. Da muss jemand seinen Überzeugen Wurf sehr gut geschafft haben. 😉

    Die Realität ist eine der möglichen Lösungen des Problems, die Spieler werden sicher auf andere kommen. 😉

    Interessanter fände ich, wenn sich die Charaktere in das Gefängnis einschleusen müssten und so den Konzerner befreien müssen.

    Die Frage: „Wie konnte die Person entfliehen“ ist eine Schnitzeljagd, an deren Ende das Finden und Wiederzurückbringen der Person stehen könnte.

    Die Flucht als Charaktere zu verhindern finde ich zweischneidig.
    Entweder sind die Charaktere in offizieller Position im japanischen System und haben entsprechende Rechte Befehle und Anordnungen zu geben oder sie sind ein Team, dass gegen das zur Befreiung angeheuerte Team arbeitet. In beiden Fällen sind sie eher reaktiv als aktiv Handelnde.

    Den Grundplot: „Reichen Konzerner aus dem Konzern/Gefängnis/etc. befreien (und in ein anderes Land bringen)“ ist Cyberpunk-typisch. Die reale Flucht ist für Cyberpunk IMHO etwas zu einfach, von einem sehr guten Überredenwurf mal abgesehen. In Cyberpunk könnten nachfolgende Schwierigkeiten auftreten: Der implantiere Biomonitor gibt immer ein Standortsignal. Kommt das Signal von außerhalb Japans aktiviert es eine Cortexbombe oder paralysiert den Träger. Von dem Biomonitor und seinen Auswirkungen weiß der Konzerner. Was er nicht weiß, dass der Konzern oder das Gefängnis heimlich im Essen oder Trinken ein abhängig machendes Mittel beimischt. Wird es drei Tage lang nicht konsumiert, kommt es zu starken Bauchkrämpfen und anderen Entzugserscheinungen Der Konzerner will sich von seiner Ehefrau, die die ganze Flucht durch das Anheuern der Charaktere managt und ihn liebt, trennen, weil er (im Gefängnis oder vor kurzem) festgestellt hat, dass er eigentlich auf Männer steht.

    Will der GM die Sache schwerer machen, kann der Konzerner nur wenige Sprachen fließend, so dass seine Auswahl an Fluchtländern begrenzt ist.

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