Rezension: Die Pest zu London

Triggerwarnung: Seuchen, Tod, Vergleich mit der aktuellen Corona-Situation

Ich hab mir vor kurzem ein Hörbuch zugelegt, das mir einen Schauer über den Rücken gejagt hat. Daniel Defoes „Die Pest zu London“ (A journal of the plague year) (Achtung! Affinity Link). Das buch arbeitet Kindheitserinnerungen und das Tagebuch seines Onkels auf.

Der Rahmen der Reportage ist die große Pest von London 1665 und 1666. In den Monaten, in denen die Pest in London wütete, starben mindestes 100.000 Einwohner, 70.000 allein in London (etwa 20% der Bevölkerung). Erst eine zweite Katastrophe, der Brand von London vom 2 -5 September des Jahres 1666 hat die Pest beendet. Die hat die floh- und rattenverseuchten Löcher abgefackelt.

Interessant ist vieles, was Defoe uns da berichtet: Da sind zum Beispiel die Sterberegister der einzelnen Kirchensprengel, die er auswertet (und bei Säuglingen und Totgeburten eine Übersterblichkeit). Oder die Anordnungen des Lord Mayors der Stadt: 8 Seiten lang Anweisungen über die Wächter, die die versiegelten, infizierten Hauser bewachen und Besorgungen für die Eingeschlossenen machen sollenm Leichenbeschauer, Huren, Doktoren, Visitatoren… Erschreckend wie aktuell diese Hinweise sind. Die könnten auch vor zwei Monaten erlassen worden sein.

Erschreckend aktuell auch die Unvernunft und Angst der Londoner. Defoe berichtet über die Quacksalber, Wahrsager und Hexen, die vor allem zu Beginn der Pandemie (global betrachtet. Die Pest soll damals per Seidenballen aus Amsterdam gekommen sein. Dort war sie 1664 aufgetreten) gegen teuer Geld Pillen, Amulette und Wunderkuren anboten. Ein besonders dreister „Arzt“ warb in den gerade aufkommenden Zeitungen damit, dass er die Armen kostenlos beraten würde. Die Beratung bestand dann aus einer Untersuchung, ein paar Minuten den Sorgen zuhören und dann die eigene Medizin für 2 ½ Schilling anbot. Die Beratung war ja umsonst, Werbeversprechen gehalten. Mich erinnert das sehr an Homöopathen oder amerikanische Fernsehpastoren.

Ebenfalls ein Grund zur Ärgernis war die strenge Quarantäne, die über Häuser verhängt wurde, in denen die Pest ausgebrochen war. Die Bewohner versuchten, der Quarantäne zu entkommen, bestachen die Wachen, kletterten über die Dächer oder entkamen durch die Hintertüren. Einige infizierte steckten normale Bürger absichtlich an, andere trugen die Pest unabsichtlich ins Land, weil sie in andere Dörfer und Städte flüchteten. Letztere waren die, die man heute Patienten mit asymptomatischen Verläufen auch bei Corona kennt. Dem äußeren Anschein nach gesund, höchstens leicht fiebrig (nebenbei… die normale Körpertemperatur des Menschen liegt nicht mehr bei 37° C im Durchschnitt sondern eher so bei 36,5° C. Die 37° stammen noch aus einer Zeit, in der kleinere Infekte häufiger waren), doch hochansteckend.

Defoe berichtet ebenfalls von Wellen, die über London hereinbrachen. So war die Pest im Winter 1665/1666 scheinbar auf dem Rückzug, kam aber im Frühling (nachdem der Hof wieder nach London zurückgekehrt war) zurück. Das ist genau das Szenario, dass bis vor wenigen Tagen auch für Corona befürchtet wurde, seit etwa vier Tagen geht unser Chef-Virologe Dorsten jja nicht mehr von einer zweiten Welle im Herbst aus. Auch schon damals ein Thema: Wann brach denn die Pest aus? Defoe berichtet, dass die Krankheit wohl schon einige Zeit in London unerkannt wütete, ehe sie entdeckt wurde. Kommt uns von Corona her auch bekannt vor.

Kann ich das Buch empfehlen? Ja, aber vielleicht sollte man es mit mehreren Monaten Abstand zu Corona lesen, sonst kommt einen, wie mir, das kalte Grausen und die Bilder von Palermo (die LKWs, die die Corona-Toten abtransportieren) wieder ins Gedächtnis. Fürs Rollenspiel ist das Buch sehr interessant: Der Befehl des Lord Mayors kann direkt übernommen werden. Die Geschichten, die Defoe da erzählt, passen super in ein Seuchen-Setting.

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