Karneval der Rollenspielblogs: Am Hofe und im Vorstandsbüro – Benjamin Blümchen ist Schuld an den Reichsbürgern, Cyberpunk 2077 und schlechten Rollenspiel

Ok, schnallt euch an, ich nehm euch mit auf eine Verrückte Reise von Benjamin Blümchen über Kapitalismuskritik hin zu den Reichsbürgen und zeige euch, warum der graue, sprechende Elefant für die Reichsbürger und Corona-Leugner verantwortlich ist und was das ganze mit Cyberpunk und Shadowrun zu tun hat.

Bevor es aber losgeht, ein kleiner Bias-Check. Ich bin Kapitalist. Fan der Sozialen Marktwirtschaft, aber trotzdem Kapitalist. Ich bin davon überzeugt, dass viele Probleme durch Marktmechanismen geregelt werden können. Ich bin auch der Überzeugung, dass der Staat mit Gesetzen einen Rahmen schaffen muss, in dem Unternehmen wirtschaften können und Privatpersonen vor Ausbeutung und Benachteiligungen geschützt sind. Ich hab meinen Adam Smith gelesen und empfehle jeden, dieses Buch durchzuackern. Ich bin auch der Überzeugung, dass Freihandel und Kapitalismus das Leben der meisten Menschen besser gemacht hat (zumindest bis Corona)

Aber… nicht alle sind Fans des Kapitalismus. Spätestens seit Marx und Engels gibt es eine klare Gegenbewegung. Aber auch abseits des Kommunismus gibt es immer wieder berechtigte Kritik an diesem System.

Und hier kommt der graue Elefant ins Spiel. Benjamin Blümchen entstand in den späten 70gern. Einer interessanten, blutigen und rebellischen Zeit. Die Gründergeneration der RAF hatte sich grade umgebracht, der Deutsche Herbst dämmert am Horizont. Judge Dredd erscheit 1977 und mit ihm (und Neuromancer 1984) entsteht das Cyberpunk-Genre. Die Grünen gründen sich 1980 und Greta Thunbergs Eltern spielen im Sandkasten. Allen hier ist ihr Mindset gemein, ein Zeitgeist, der seit 1968 durch Europa und de Staaten wabert. Man ist gegen den Kapitalismus, denn der macht aus Profitgier die Menschen und die Umwelt kaputt. Man ist gegen den Staat, den der ist autoritär und kümmert sich nicht um die kleinen Leute ™. Repräsentanten der Wirtschaft und des Staates werden als gierig, korrupt, machthungrig und narzisstisch dargestellt. Von ihnen kommt alles Schlechte auf die braven Bürger herab. Die müssen sich wehren. Demokratisch oder… gewalttätig. Bei Benjamin Blümchen ist dieser Mythos sogar wissenschaftlich belegt. Ein Mythos, der sich seit 40, 50 Jahren durch alle Medien zieht, mit dem wir aufgewachsen sind. Die in unser kollektives Gedächtnis übergegangen sind. Die neue Erzählerische Archetypen erschaffen haben… oder den des Tyrannen und bösen Königs zumindest erweitern konnten.

Beispiele?

Käpt’n Balu und seine tollkühne Crew (1990): Einer der Gegenspieler ist Shir Khan, dem Eigentümer es Khan-Konzerns, der Wirtschaftsmacht in der Welt dieses Cartoons. Sein Luftfrachtkonzern hat Balus Firma fast aus dem Wettbewerb gedrängt (war nicht schwer, bei dem faulen Bär) und in Folge 4 der Staffel 4 „Louis letztes Gefecht“ führen Louis und Balu einen regelrechten Krieg gegen das kapitalistische System, das die Louis Insel übernehmen möchte. Auch sonst taucht der Kapitalismus immer wieder auf und seine Auswirkungen stören die Freundschaft zwischen Luis und Balu, etwa in Staffel 1, Folge 8 „Die fliegende Tankstelle“.

Bibi und Tina, die Serie (2020): Julia Strowski spielt Kim Win Win, eine asiatische Kapitalistin, die gerne die Wiesen rund um Burg Falkenstein aufkaufen würde, um dort Kies abzubauen. Kapitalisten. Asiaten, die wie Heuschrecken über die braven Bürger herfallen und alles aufkaufen und Umweltzerstörung… da ist er wieder, der Zeitgeist von anno dazumal. Ein reaktionärer Aspekt ist aber hier dabei: der Adel spielt hier eine deutlich positivere Rolle als z.B. bei Benjamin Blümchen.

Cyberpunk: Das ganze Genre ist ein einziges FUCK YOU gegen Kapitalismus-Befürworter. Mega-Konzerne, die wie Staaten agieren. Mörderische Intrigen. Gewalt. Drogen. Gang Wars. Jonny Silverhand, der Rebell, der in einem Rachefeldzug eine Mininuke [sic!] zündet, um einen Konzern zu vernichten. Hört euch mal die Folge von Zock-Bock-Radio zu Cyberpunk an! Da weht der Geist von Umsturz und Revolution! Shadowrun? Same same, nur mit Magie.

Der Mythos, der damals in den 70gern begründet wurde, strahlt über die Popkultur in unser tägliches Leben aus. Dieses gegen den Staat sein, ihm Totalitarismus vorwerfen, das Protestieren gegen ihn oder gegen Unternehmen, das ist heute genauso aktuell.  Ob bei Protesten gegen Bahnhöfe (Stuttgart 21 vor 10 Jahren), Firmenansiedlungen (Tesla) oder gegen die Corona-Maßnahmen. Firmen, die andere Firmen aufkaufen nennen wir Heuschrecken (nach einer Plage), besonderes, wenn sie die Firmen zerschlagen und profitable Teile verkaufen.

Warum habe ich im Titel etwas vom schlechten Rollenspiel geschrieben? Warum habe ich Cyberpunk und Shadowrun genannt? Sind Shadowrun und Cyberpunk schlechtes Rollenspiel? Nun… zumindest limitiert es die Geschichten, die wir erzählen können. Wo sind die Geschichten von guten Konzernen, die berechtigte Interessen haben (zum Beispiel eine neue Fabrik bauen oder einen Rohstoff abbauen oder neue Produktionstechniken einführen) und sich gegen Protestierende durchsetzen müssen? Die Geschichten des Anti-Silverhand?  Wo sind die Geschichten von Demokratien (die fehlen im Fantasy-Rollenspiel fast ganz)? Von mutigen Kanzler*innen oder Bürgermeister*innen, die sich einem Mob entgegenstellen, weil sie ihre Entscheidung für richtig, wichtig und moralisch notwendig halten?

Nehmen wir mal als Beispiel einen amerikanischen Mythos: Die Ballade von John Henry.

Die Geschichte geht so: John Henry ist ein freigelassener Schwarzer, der beim Bau der Eisenbahn in West Virginia Tunnel treibt. Er schlägt die Löcher in den Fels, in denen der Sprengstoff versenkt werden soll. Eine Dampfmaschine soll kommen und diese schweißtreibende Arbeit übernehmen. John Henry sieht das als Herabwürdigung seiner Leistung und fordert die Maschine zum Kampf heraus, den er zwar gewinnt, dabei aber an Erschöpfung stirbt.

Wie machen wir daraus jetzt ein kapitalismusfreundliches Abenteuer?

  1. Wir brauchen einen Gutmenschen. Nennen wir ihn Abraham Finkelstein, Sohn eines fränkischen Einwanderers. Der hat die harten Arbeitsbedingungen im Bergbau gesehen und konnte das Bord of Directors der C&O Railroad davon überzeugen, dass der Einsatz eines dampfgetriebenen Schlaghammers die arbeiten beschleunigen und Kosten sparen würde (das ist wichtig, denn nach Adam Smith Theorie der unsichtbaren Hand des Marktes sorgt der Egoismus des Unternehmers (gewinne erzielen) dafür, dass das Gemeinwohl gesteigert wird (hier: dass die Menschen nicht mehr so schwer arbeiten müssen.
  2. Wir brauchen einen Konflikt. Der tritt mit John Henry auf. Der schwarze Arbeiter warnt seine Kollegen vor Arbeitsplazverlust, verteufelt den technischen Fortschritt und fordert die Railroad Company und Finkelstein heraus. Nach dem Tod des Helden kommt es zum Aufstand der Arbeiter.
  3. Die Held*innen. Sie werden von Finkelstein angeheuert, um den Apparat zur Baustelle zu bringen und vor den Tunneltreibern zu schützen. Wichtig ist, dass sie Finkelstein als Idealisten kennenlernen, der die Lebensbedingungen verbessern will. Wichtig ist auch, dass sie die Eisenbahnersiedlung als raues Pflaster kennen lernen, in dem Gewalt, Ausbeutung, Schnaps und harte Arbeit allgegenwärtig sind. John Henry sollten sie als die Verkörperung des amerikanischen Traums erleben. Von gaaanz unten durch harte Arbeit zu besceidenen Wohlstand.

Und schon haben wir ein interessantes Western-Abenteuer, bei dem die Kapitalisten mal nicht die Bösen sind, sondern jene sind, die Erleichterung und Segen bringen wollen.

7 Gedanken zu „Karneval der Rollenspielblogs: Am Hofe und im Vorstandsbüro – Benjamin Blümchen ist Schuld an den Reichsbürgern, Cyberpunk 2077 und schlechten Rollenspiel

  1. rorschachhamster

    „Man ist gegen den Kapitalismus, denn der macht aus Profitgier die Menschen und die Umwelt kaputt. Man ist gegen den Staat, den der ist autoritär und kümmert sich nicht um die kleinen Leute ™. Repräsentanten der Wirtschaft und des Staates werden als gierig, korrupt, machthungrig und narzisstisch dargestellt.“
    Öhm… Hast du mal in die Nachrichten geguckt? So Klimawandel und Exxon, die spätestens seit den 70ern auf den Daten saßen? Große Koalition und „Alternativlos“? Politiker in Aufsichtsräte und VW etc.?
    Ich würde das jetzt nicht alles als völlig aus der Luft gegriffen ansehen… immer noch aktuell 😉
    *Sowjetische Nationalhymne* ^_^

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    1. Der Troll Autor

      Ahhh, endlich jemand, der das System diskutieren will. Ein… Opfer 🙂 Mal im ernst.. ja, da ist durchaus was dran. ich zitier aber mal diesen sz-Artikel: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wirtschaftsystem-nein-kapitalismus-ist-nicht-schlecht-1.2549291
      „Zum Beispiel in Sachen Umwelt. Viele Menschen sind sich einig, dass der Kapitalismus die Umwelt zerstört und dass er dafür verantwortlich ist, wenn die Erderwärmung unaufhaltsam weiter geht. Tatsächlich sind es aber die Menschen, die mit ihren Bedürfnissen die Ressourcen des Planeten erschöpfen. Dazu gehören selbstverständlich auch Kapitalisten und andere Reiche, die einen hohen, gelegentlich obszön hohen Konsum pflegen. Trotzdem war es der Kapitalismus und nicht der Sozialismus, in dem der Umweltschutz erfunden wurde. Die westlichen Industriestaaten haben Blei aus dem Benzin und das klimaschädliche FCKW aus der Luft verbannt. Der Bodensee wurde nach dem Beinahe-Kollaps in den 1970er-Jahren gerettet, der Aralsee in der ehemaligen Sowjetunion dagegen ist dabei, ganz zu verschwinden. Das ebenso arme wie sozialistische Venezuela betreibt bei einem Benzinpreis von umgerechnet zwei Cent pro Liter ein groteskes Maß an Energieverschwendung.“ Politiker in Aufsichtsräten und Lobiismus ist imho ein Problem der Politik, das man mit Transparenz-Regeln (die Deutschland nurminimal hat) und Cool-Down-Zeiten (die nach einem Aufschrei, weil der Profalla da zur Bahn gewechselt hat, zumindest minimal eingeführt hat) in den Griff bekommen. Im Grunde läufts auf die Aufgabe der Politik hinaus, ein Regelset für die Unternehmen zu erstellen, es zu Kontrollieren und die Gerichte und Staatsanwaltschaften mit genügend mittel auszustatten, diese durchzusetzen. Nur mal so ein Gedanke… Shell wurde ja in einem kapitalistischen System zum umdenken gebracht. Damals wollten die doch eine Ölplattform in der Nordsee versenken. Das hat Umweltverbände und Verbraucher so angepisst, dass die aus Protest einige Zeit nicht bei Shell getankt haben. Daraufhin hat die Firma eingelenkt https://de.wikipedia.org/wiki/Brent_Spar#Auseinandersetzung_%C3%BCber_die_Entsorgung

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  2. AndreF

    Die Grundannahme des obigen Textes, wonach Cyberpunk und Shadowrun ein „Gegen-den-Staat-sein“ und „ihm Totalitarimus vorwerfen“ beinhalteten, passt nicht zu der durchaus zutreffenden Schilderung, dass es in beiden Rollenspielen gerade um eine Situation geht, in der die Staaten schon durch Konzerne verdrängt wurden ( „Mega-Konzerne, die wie Staaten agieren“). Der Satz „Dieses gegen den Staat sein, ihm Totalitarismus vorwerfen, das Protestieren gegen ihn oder gegen Unternehmen, das ist heute genauso aktuell“ ist schon in sich widersprüchlich, da in beiden Rollenspielen gerade eine Dystopie dargestellt wird, in der es eben keinen starken Staat mehr gibt, der den Konzernen Einhalt gebieten könnte. Staat und Konzerne sind regelmäßig eher Antagonisten als Partner in diesen Rollenspielen. „Fan der sozialen Marktwirtschaft, aber Kapitalist“ passt eben nicht ganz zusammen. Unbegrenzter Kapitalismus ist gerade keine soziale Marktwirtschaft mehr.

    Und der Abenteuervorschlag krankt leider daran, dass er zwar eine Utopie darstellt – der Großkapitalist, der geschmackloserweise auch noch nen jüdischen Namen haben muss?, will nur dafür sorgen, „dass die Menschen nicht mehr so schwer arbeiten müssen“ -, deren funktionieren aber nicht erklären kann. Dieser „gute Kapitalist“ würde in dieser Fassung offenkundig nur funktionieren, wenn er trotz der Maschine dieselbe Anzahl Menschen zum selben Gehalt beschäftigen wollte. Dann wäre aber die Anschaffung der Maschine im kapitalistischen Sinne Blödsinn. Funktionieren im Sinne der zugleich gepriesenen „sozialen Marktwirtschaft“ könnte das Ding ja nur, wenn ein Dritter, nennen wir ihn „Staat“ die zusätzlichen Gewinne des Großkapitalisten, nennen wir ihn etwa Fritz Mayer statt Finkelstein, besteuert und davon Schulen baut und die Lebensbedingungen der Arbeiter verbessert. Das ist dann aber eben nicht mehr das gewünschte Loblied auf den Kapitalist

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    1. Der Troll Autor

      Hmmmm… ich glaub, ich hab mich im Artikel etwas missverständlich ausgedrückt. Ich hab oft Staat mit Unternehmen gleichgesetzt. Ich wollte damit aufzeigen, dass dieser Mythos, wie ich ihn nenne, gegen beide Player geht. Das Shadowrun und Cyberpunk spezielle Dystopien darstellen, in denen kapitalistische Konzerne Staaten verdrängt haben, ist doch das logische Extrem des Mythos vom bösen kapitalistischen System und dessen verbündeten, dem faschistischen Staat. Wo es aber eine Dystopie gibt, müsste es doch auch eine Uthopie geben, auf die hinzuarbeiten sich lonen würde. Die fehlt mir im Rollenspiel.
      Gibt es die in der Realität? Warscheinlich genauso wenig wie die volle Dystropie, aber Elemente davon gibt es sicher.
      Das Szenario… Also erstens ist Herr Finkelstein nicht selbst der Kapitalist, das ist die Railroadgesellschaft, die er überzeugen muss. Zweitens war der jüdische Name mit absicht gewählt. Das Abenteuer spielt im Wilden (kapitalistischem) Westen. Viele jüdische Bürger sind dorthin ausgewandert, weil eben das System (wirtschaftlich wie politisch) dort Freiheit und Selbstbestimmung sowie Wohlstand versprach. Der Verweis nach Franken sollte an Herrn Levi Strauss erinnen, der in Deutschland nur Hausierer, in den Staaten Entrepreneur sein konnte.
      Drittens: Ich geb Dir recht, unser Gutmensch (ein Begriff, den wir uns dringend von den Rechtrn zurückholen sollten, imho) hat wohl in dem Punkt Stellenabbau zu kurz gedacht. Jedoch: nach Smith müsste die freiwerdende Arbeitskraft in bereiche fließen, die produktiver sind als der Tunnelbau. Ja, klar. In der Realität gibt es hier Restriktionen wie Alter, Kompetenzen, Hautfarbe (oder Herkunft, zumindest in diesem Szenario) usw.
      Viertens wäre es interessant darüber nachzudenken, ob es ohne Staat einen Kapitalismus gebwn kann und welche Rolle Rechtsstaatlichkeit und Demokratie dabei spielen. Imho: ohne Staat, der in Form von Gesetzen den Rahmen schaft, kein Kapitalismus. Ich glaube nicht, dass Kapitalismus in einer anarchischen Gesellschaft funktioniert und in den Dystropien Shadowrun und Cyberpunk sind Konzernkriege auch nur möglich, weil es keinen regulierenden Staat gibt. Zudem bin ich der Meinung, das gerade Konzernkriege sehr schädlich für Konzerne wären, so von den Kosten, dem Imageschaden und den Umsatzeibußen her.
      Der Arikel soll nucht das Hohelied des Kapitalismus singen. Er soll nur die Frage aufwerfen, warum es so wenige Geschichten gibt, in denen Kapitalismus, meinetwegen auch die Soziale Marktwirtschaft als Spielart des Kapitalismus, positiv dargestellt wir. Ich denke, das liegt an Benjamin Blümchen und den Mythos, den er vertritt.

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