Rezension: Iron Widow – Ein feministischer Sci Fi- Befreiungsroman 

Ich hab mir wieder mal ein Hörbuch geleistet. Iron Widow (Achtung, Affinity Link) von Xiran Jay Zhao. Wow, was für ein Buch! Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, bei dem die Protagonistin so gezielt und kaltblütig auf Rachefeldzug geht (und das Ziel eben jenes Rachefeldzugs bald darauf auch killt) und sich dann so konsequent von allen gesellschaftlichen Zwängen befreit. Das Buch ist ein feministischer Aufschrei, eine Selbstermächtigung, eine Befreiung… und coole Sci Fi Literatur. 

Aber erst mal von vorn: Xiran Jay Zhao? Wer ist denn das? Eine Youtuberin. So bin zumindest ich auf die junge Chinesin, die in Kanada lebt, gestoßen. Ihr Kanal beschäftigt sich mit chinesischen (und anderen asiatischen) Einflüssen in diversen Filmen, so hat sie unter anderem die Mulan-Filme analysiert und Avatar auseinandergenommen. Auch über die chinesische Küche in amerikanischen China-Restaurants hat sie eine ungewohnt frische, interessante Meinung, die ich so noch nirgends gelesen habe. Toll sind auch ihre Kostüme, mit denen sie vor der Kamera auftritt. Xiran Jay Zhao hat nun zwei Romane geschrieben, wobei der jüngere nun dieses Jahr herausgekommen ist, der ältere nächstes Jahr folgen soll. 

Worum geht es nun in Iron Widow? Es geht um Wu Zetian, eine junge Frau Anfang 20, die in einer unfairen, patriarchalen Welt lebt und dort Rache will für den Tod ihrer älteren Schwester. Dass die Protagonistin so heißt wie eine erfolgreiche Kaiserin aus dem späten 6. Jhdt. ist kein Zufall, die Geschichte soll eine Neuinterpretation der Lebensgeschichte eben jener Kaiserin werden, mit Mechs und Aliens. 

Wu Zetian lebt in einer Welt, in der Frauen nur als Jungfrauen etwas wert sind. Nur können sie gegen ein stattliches Geld an die Armee, die Götter oder einen Bräutigam verkauft werden. Mit diesem Geld sollen dann die Söhne wiederum ihre Bräute kaufen können… ein Teufelskreis. Mädchen, die außerhalb der Ehe Sex haben (oder vergewaltigt werden) landen als Schande der Familie in einem Eisernen Schweinekäfig, der dann im nächsten Fluss versenkt wird. 

Wu Zetian lebt auch in einer Welt, in der Lotusfüße als Schönheitsideal gelten. Im Buch behindern die gebrochenen, verkrüppelten Füße die Protagonistin immer wieder und müssen auch täglich versorgt werden, um Entzündungen und Nekrosen zu verhindern.  

Wu Zetian lebt in einer chinesischen Welt. Alle Namen der Protagonisten, alle Fachwörter sind chinesisch. Die Kultur der Menschen ist chinesisch, das Denken… Im Roman spielen die Elemente-Lehre (also die 5 chinesischen, Erde, Wasser, Feuer Holz und Metall), Ying und Yang sowie Chi eine wichtige Rolle. 

Wu Zetian lebt in einer Postapokalypse. Die Erde wurde von den außerirdischen Hundun überrannt. Hunduns sind wesen ohne feste Form, aber mit einem besonderen Panzer aus Spirit Metall, einem mystischen Material, dessen Aussehen durch das Chin einer Person beeinflusst wird und aus dem auch die Mechs, im Buch Chrisalises genannt, bestehen. Von unserer Technik ist nicht mehr viel übrig. Es gibt Tablets und Hovercrafts, Kameradrohnen und Fernsehen, aber das meiste ging in der Invasion verloren. Eine Mauer schirmt das fiktive Zukunfts-China vor den Hundun ab, ähnlich der Chinesischen Mauer, die China vor den Mongolen (und anderen Reitervölkern) schützen sollten. Und an den Wachtürmen stehen eben jene Chrisalise, die von einem Paar, einem Piloten und seiner Konkubine, gelenkt werden und die Welt der Menschen schützen. 

Konkubine ist hier ein schönes Wort, potentielles Menschenopfer (Mädchenopfer an die Götter werden im Buch ebenfalls angedeutet) ist aber ein viel passenderes. Sobald ein Mädchen an die Armee verkauft wird, ist es so gut wie tot. Denn um die Mechs zu steuern benötigen beide Piloten ihr Chi. Solange beide gleich viel Chi einsetzen, ist alles gut, beide bleiben am Leben. Setzt ein Pilot mehr Chi ein, als der andere je aufbringen kann, dann quetscht er dessen Geist aus den Körper und tötet ihn. Dreimal dürft ihr raten, wer in den Mechs derjenige mit dem geringeren Chi ist… genau. Hinzu kommt, dass die Konkubinen ihren männlichen Kollegen sexuell zu Diensten sein müssen… eine scheußliche Welt, wenn man weiblich ist. 

Der Roman beginnt damit, wie sich Wu Zetian darauf vorbereitet, zur Armee zu gehen. Allerdings nicht, um ein Menschenopfer zu werden, sondern den Piloten zu töten, der ihre ältere Schwester auf dem Gewissen hat (die nicht in einer Schlacht fiel, sondern so erschlagen wurde, was dazu führte, dass Wu Zetians Familie keine Rente bekam und ihre Schwester in Familiengesprächen nicht wieder erwähnt wird. Sie ist gestorben… zum zweiten Mal). Diesen Racheplan setzt sie dann auch um, mit einer Gradlinigkeit, die ich so noch nirgends gelesen habe. Sogar ihren Freund und Liebsten (aber nicht Liebhaber, Schweinekäfig, ihr wisst ja) verlässt sie dafür. Sie nimmt auch in Kauf, dass bei einem Erfolg wohl ihre ganze Familie (ein wunderbar gestörtes Verhältnis. Psychologen, die mit Familienaufstellungen arbeiten, hätten ihre Freude dran) ausgelöscht wird. Der Mörder ihrer Schwester muss sterben. 

Das geling ihr auch auf die spektakulärste mögliche Art und Weise. Als Strafe wird sie indirekt zum Tode verurteit, sie soll die neue Konkubine des Iron Demon werden, dessen Pilot, ein Vater- und Brudermörder,bisher jede Konkubine vernichtet hat. Auch diesen ersten Flug übersteht sie, überlebt, begegnet ihrem Jugendfreund wieder und muss sich in einer Welt behaupten, die sich vor Iron Widows, Pilotenmördern, furchet. 

Wie gesagt, meiner Meinung nach ist das Hörbuch ist großartig. Die Geschichte um Wu Zetian entfaltet eine Wucht, der man sich nicht entziehen kann und die chinesische Kultur, die immer wieder aufblitzt, gibt dem ganzen noch einen ganz speziellen Drive. Augenöffner sind die Szenen, in denen Wu Zetian erkennt, dass das männliche Gegenüber sie mit ihren Schamgefühlen unterjochen möchte, sie aber weiß, dass Scham ein gesellschaftliches Konstrukt ist und sie, durch ihre Taten, sowieso als schamlose, böse, monsterhafte Person, als neunschwänzige Füchsin (hier nicht in der uns bekannteren japanischen, lüsternen, tricksterhaften Kitsune-Versinon sondern der chinesischen Originalversion, die viel monsterhafter, dunkler daherkommt), wahrgenommen wird. In diesen Momenten gewinnt die Protagonistin eine ungeahnte Tiefe und Macht. Zu stark, um sie einfach zu töten, zu unkontrolliert, um sie am Leben zu lassen… einfach genial mächtig.  Achja… ich hab mir das Hörbuch von meinem eigenen Geld gekauft, weil ich Xiran Jay Zhao gut finde. Ich kriege kein Belegexemplar, noch irgend eine Bezahlung für diese Rezension.

2 Gedanken zu „Rezension: Iron Widow – Ein feministischer Sci Fi- Befreiungsroman 

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