Karneval der Rollenspielblogs und Rezension: Kohlrabenschwarz Staffel 2 – Von Schneewittchen zu einem ausgewachsenen Krieg der Magier 

Zwei Tage. So lange hab ich gebraucht, um durch die neue Staffel von Tommy Krappweis und Christian von Asters Kohlrabenschwarz zu suchten. Das Hörbuch (Achtung, Affinity Link) ist stark, atmosphärisch dicht, genial eingesprochen und eindeutig ein Beweis dafür, dass die Pandemie bei zumindest einigen Kulturschaffenden wahre Synapsenfeuerwerke ausgelöst hat. Vor ein paar Tagen las ich ein Interview mit Tommy Krappweis in der Lokalzeitung. Darin erzählte er, wie sie mit Beginn der Pandemie sein Produktionsstudio, eigentlich auf TV-Produlktionen ausgelegt (mit Green Screen usw.) kurzerhand in ein coronakonformes Hörspielstudio umbauten und seither Hörspiele am laufenden Band produzieren (etwa die Lieblingsserien meiner Kinder, Ghostsitter und Rufus T. Feuerflieg, aber auch Lord Schmetterhemd und die Mara-Saga). Wenn man noch die Wildmics dazurechnet, dann… Hut ab, Herr Krappweis, Hut ab. 

Wie bei allem, was Tommy Krappweis macht, spricht er auch in diesem Projekt eine Rolle. Das ist hier die des, mit moderner Kommunikation auf Kriegsfuß stehenden, Polizisten Thomas Falber, der zusammen mit dem Psychologen Stefan Schwab, dessen Freundin und Polizistin Anna Leitner sowie dessen Ex-Frau Susanne Wirzbacher die nun mit Franz, einem freikirchlichen Pfarrer mit dunklen geheimnissen verheiratet ist und dem Schwarzalb Herr Erdmann die SoKo Kohlrabenschwarz bilden. Die Deutschlandweit einmalige SoKo (toller Kunstgriff, so können Sagen und Märchen aus ganz Deutschland aufgegriffen werden) untersucht magische Phänomene, die mit Märchen und Sagenmotiven zusammenhängen. 

Der rote Faden, der sich durch das Hörbuch zieht, ist der EINE Spiegel der bösen Königin aus Schneewittchen, in dessen Mitte, dem Spiegelherz, ein Dämon gefangen ist. Schon Splitter dieses Spielgels lösen Ereignisse aus, die an die Geschichte (auch in ihrer Urform) erinnern und die Opfer zu Marionetten der Geschichte machen. Und im Hintergrund spielen zwei Magier eine Rolle, von dem einer in einem magische Hochsicherheitstrakt unter der Altstadt Wiens sitzt und der andere… 

Mich hat das Hörbuch aus mehreren Gründen begeistert. Der Anfang war, zumindest in meinen Augen, genial. Nachdem man am Ende der ersten Staffel die SoKo offiziell gegründet hat, steigt man in dieser Staffel damit ein, dass die einzelnen Mitglieder der SoKo ihre Rollen (entsprechend der Märchen-Archetypen, die sie verkörpern) finden. Als Rollenspieler finde ich das richtig putzig, das hört sich an wie das Steigern der Charaktere und die Downtime nach einem Abenteuer. Nach einem Abenteuer ist vor einem Abenteuer, es geht nahtlos mit dem neuen Fall weiter. Auch hier was, was mir aus Rollenspielersicht gefällt: Die Charaktere werden passend den Archetypen gewählt. In der Schneewittchengeschichte z.B. nimmt der Jäger zunächst eine negative Haltung gegenüber der Figur ein, also wird Franz nicht mitgeschickt, auch die Hexe Susanne muss zuhause bleiben, einzig Schwab als Hans und das Röschen Anna kann mitgeschickt werden. 

Wo wir grade beim Jäger sind… Rollenspieltechnisch hätte ich Franz nicht als Jäger, sondern mehr als Paladin gesehen. Seine Hintergrundgeschichte verwebt ihn mit der Magie und den Schicksalen der anderen Gruppenmitglieder. Sein persönlicher Wertekodex, sein Einstehen für andere und seine kriegerische Ausbildung (Ex-Bundeswehrsoldat, Ex-Marine, Ex-Fremdenlegionär, Ex-Europol) und seine Verbindung zum Glauben machen ihn im Rollenspiel zum Urtyp des Paladins. In einer Szene des Hörbuchs wird das so richtig klar rausgearbeitet: Erdmann hat zwei Kapitel vorher ein Feenwesen angeschleppt, das Magie aufspüren kann. Ein liebenswertes Wesen, klein, haarig, knuddelig, sofort Gruppenmaskottchen und besonders Sabine schnell ans Herz gewachsen. Das stirbt nun beim Versuch, die Gruppe vor Kitimora zu retten. Das Gebäude, in dem die Sache spielt, stürzt ein und es bleibt nichts außer das Pailettenherz des T-Shirts, welches jene Wesen anhatte, zurück. Mit Müh und Not entkommen die Helden, erste Risse in der Gruppendynamik treten hervor. Trauer. Angst, dunkle Geheimnisse. Und Franz, der verlangt, dass jetzt erst mal eine ordentliche Beerdigung für das Feenwesen gemacht wird. Der es einfordert. Der predigt. Dessen Predigt die Gruppenmoral deutlich erhöht und die Gruppe für den nächsten Angriff wappnet. Ein PALADIN, ein göttlicher Streiter! 

Ebenfalls, aus Sicht des Rollenspielers und passend zum Karnevalsthema dieses Monats, ist das Gefängnis, in das Benedikt Hornhold, der Erzschurke der ersten Staffel, gebracht wurde. Das beginnt bei den Wächterinnen, den Amazonen. Die werden hier als kampfkräftige Kriegerinnen dargestellt, die mit Lanze, Schild, Brünne und Gladius wie aus der Zeit gefallen wirken. Normalerweise hast du in der phantastischen Literatur (und auch dem Rollenspiel, das ich hier mal als Untergenre dazuzähle) das Problem, wie du einen (Spoiler!) Gefängnisausbruch glaubhaft darstellen willst, vor allem, wenn du das Gefängnis vorher als Hochsicherheitstrakt beschrieben hast. Wachen, die vorher als die Besten der Besten beschrieben wurden, müssen dann auch in der Ausbruchssituation so agieren. Das tun diese Wächterinnen. Beim Ausbruchsversuch des Magiers stehen sie ihre Frau und halten den magischen Angriffen stand. Sie weichen auch nicht, als Trolle aus der Wand heraus angreifen und die hinteren Reihen vernichten. Cool finde ich auch den Bruch mit diesem Image, nachdem der Ausbruch verhindert würde. Kaum ist das WLAN im Magieknast wieder an, bimmeln die Handys der Amazonen (ich musste mir einen Lacher verkneifen, als bei der Oberin das Handy losging: Wagners Walkürenritt als Klingelton 😊 ). 

Der Gefangene war übrigens in einer Zelle, die mich an Magnetos Kanst in XMan erinnert. Der Magier hängt, durch einen Zauber gelähmt, über einer tiefen, tiefen Grube. Nackt, mit den Rücken zur Tür. An der Wand eine Tafel mit Buchstaben. Ein Übersetzerwesen, dass diese Buchstaben, die nur mit den Augen angeblickt werden können. in Worte übersetzt. 

Interessant auch die anderen Gefangenen, die hinter Hochsicherheitstüren und Zauberbannen sitzen, in Gängen, die im Notfall per Fallgatter abgeriegelt werden. Berühmtester Gefangener: Der gestiefelte Kater. Der sitzt hier, weil er DIE Waffe gegen Magier ist und wie wild auf alle Zauberer losgeht. Genial! 

Kohlrabenschwarz Staffel 2 ist richtig, richtig gut. Sie umgeht das Problem vieler Mystery-Serien, in der Staffel 2 genau das zu tun, was man auch in Staffel 1 gemacht hat (Monster of the Week, neuer Supergegner (ohne ausreichenden Aufbau), indem sie den Aufbau einer Polizeieinheit darstellt und Gruppendynamiken in den Vordergrund stellt. Sie ist auch gut, weil sie kompetente Ermittler und Gefängniswachen zeigt. Auch der Comic Relif Falber ist, obwohl mit der modernen Technik überfordert, kompetent und nützlich, wenn es darauf ankommt (und er Berichte an die Vorgesetzten schreibt oder Kontakte aufbaut). Und Krappweis Wortwitz und Humor, der immer durchblitzt, ist genau mein Ding, von daher eindeutig eine Kaufempfehlung. 

Anmerkung: Nein, ich habe kein Geld, keine kostenlose Hörprobe oder sonstige Vorteile von Audible oder sonst wem erhalten, ich hab hier meine Meinung abgesabbelt, weil es meine Meinung ist. Dem, der versuchen sollte, meine Meinung zu kaufen, sei hier ein freundliches “Fick Dich” entgegengeworfen. 

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