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Karneval der Rollenspieleblogs: Stimmung – Rezension: Lunapark und ein Rückblick auf die Gerion-Rath-Krimis

So, der letzte Gerion-Rath-Krimi ist gehört (ich hab mal wieder zum Hörbuch gegriffen). Zeit, nicht nur den Roman von Volker Kutscher zu rezensieren, sondern auch einen Rückblick auf die Reihe zu werfen und zu überlegen, was diese Bücher für uns Rollenspieler so bringen.

Rezension Lunapark

Lunapark hat ja bei erscheinen vom Spiegel eher schlechte Kritiken bekommen. Vor allem Tempo und Sprache wurden bemängelt. Ja, man merkt dem Roman ein bischen an, dass der Autor seine Geschichte unbedingt zu einem Ende führen wollte, gleichzeitig aber nicht mehr so viel Lust auf seinen „Helden“ hatte. Nach sechs Bänden kein Wunder.

Der Plot ist die Geschichte vom Sturz des Helden, eigentlich typisches Noir-Material. Ach ja… Spoiler Ahead!

In Märzgefallene rettet Rath den neuen Chef der Berolina vor SA-Männern, die sich aus ehemaligen Nordpiraten rekrutieren. Dabei verliert  der neue Berolina-Chef Dank dem schwarzen Kuss von Kaczmarek ein Auge. Den Verlust des Auges lastet er auch Rath an, weil dieser sich knapp eine Woche Zeit ließ, um ihn aus dem SA-Folterkeller zu holen. Jetzt ist die Zeit der Abrechnung und Kaczmarek das erste Opfer eines Rachefeldzuges. Dumm nur, dass zuvor Kommunisten am Tatort eine politische Parole hingeschmiert hatten.  Darum schaltet sich auch die Gestapo ein. Gräf, Gerions alter Freund und seit dem letzten Band neuer Intimfeind übernimmt den Fall, Rath ist im unterstellt.

Am Ende des Romans gibt es nur Zerstörung und Trümmer. Rath und Gennat liegen über Kreuz, Gräf hat in der Nacht der langen Messer seinen Lover und dessen Liebhaber ermordet, Frize wird zum strammen Hitlerjungen und Verräter, Kirie wird der Hals umgedreht. Helden… die gibt es in Nazi-Deutschland nicht.

Ich finde, Lunapark war ein guter Abschluss der Reihe. Ein letzter Blick in die Tiefe, die noch wartet. Eine letzte Erinnerung an die Zeit der Freiheit, die hinter den Protagonisten liegt. Es wäre ein Fehler, die Reihe weiter fortzusetzen, denn welchen Wert haben Mordermittlungen in einer Welt, in der der Staat bestimmte Morde legitimiert?


Rückblick auf die Reihe: Einmal Babylon und zurück

Ich möchte die Rath-Krimis. Vor allem die ersten vier Bände waren hervorragend. War bei Der nasse Fisch und Der stumme Tod noch eine leichte, lockere Stimmung vorherrschend, ein Rausch in Berlin der Endzwanziger, so verfinsterte sich die Stimmung in Goldstein und Akte Vaterland deutlich. In Märzgefallene und jetzt Lunapark herrscht politisch schon der Nationalsozialismus, die Stimmung der Bücher ist entsprechend gedrückt, weil sich die Helden_innen nicht der neuen Situation anpassen können und wollen. Die jeweiligen Kriminalfälle sind in Ordnung, beim stummen Tod verrät die Tätersicht aber schon viel zu früh den Schurken. Schade ist, dass bei den Märzgefallenen und bei Lunapark irgendwann die Fälle ins Hintertreffen geraten und von Politik und Privatkram überlagert werden. Von den Figuren waren mir Charly und der Buddha am sympathischen. Gerion Rath ist für mich ein egozentrischer, versoffener Einzelgänger. Typischer Noir-Dedektiv halt. Gut finde ich, das sein Handeln Konsequenzen hat. Weil er Koks geschnupft hat und im Rausch jemanden erschießt, wird er von Dr. M erpresst und trägt Mitschuld am Tod des Hundes. Auch Bestechungsgeld nimmt er gerne an. Kurz, Rath war mir nicht nur sympathisch, aber im Noir muss das so sein.


Und fürs Rollenspiel?

Die Bücher eignen sich hier als Inspirationsquelle für Dedektivabenteuer in den 20ger und 30ger Jahren. Die Polizeiarbeit dieser Zeit wird gut beschrieben. Dass die Arbeit der Polizei in Berlin relativ modern wirkt hat seine Richtigkeit. Der reale Gennert hat deutsche Polizeiarbeit, vor allem im Bereich Mord, auf internationales Topniveau gehoben. Wer immer in Berlin der 20ger und 30ger spielen möchte, kommt um Gennert als NPC nicht herum (neben der Stimmung der  Bücher, die zum Karnevalsthema passen, ein weiterer Stimmungstipp: immer wenn die Meisterin Gennat darstellt, sollte sie ein Tablett mit Stachelbeerkuchen, Gennats Lieblingskuchen, auf den Tisch stellen und die Spielerinnen zu einem Stück Kuchen nötigen😀).

Die Stimmung, die die Bücher transportieren – von der Party der 20ger bis hin zum strengen Nationalismus der 30ger, der Hoffnungen, die in Hitlers neues Deutschland gesteckt wurden – sollte auf jeden Fall in einer Dedektivkampagne oder in ein chtulide Kampagne einfließen. Wenn eine Meisterin ganz mutig ist, kann sie ruhig die Parallelen zur aktuellen politischen Stimmung herausarbeiten. Aber Vorsicht! Das könnte zumindest verstörend auf die Spielerinnen wirken! Mir ging es so ähnlich, als ich Goldstein während eines Schulausflugs nach Flossenbürg las. Von SA-schläger im Buch zu lesen und dann zu sehen, was sieben Jahre später so los war in Deutschland, hat mir einen Schauer den Rücken hinuntergejagt. Da der Ausflug kurz vor Fasching war, klingelten mir bei Höckes Rede am Aschermittwoch ziemlich die Ohren!

Und nun?

Ich freu mich auf Babylon Berlin im Herbst in der ARD. Ob ich Moabit lesen werde, weiß ich noch nicht. Gennat als NSC auszuarbeiten, das würde mich ziemlich reizen. Mal schauen, wann ich dazu Zeit finde…

Rezension: Märzgefallene – Gerion Raths fünfter Fall

Was für eine Achterbahn! Vom Mord an einem Bettler, Identitätstausch, der Flucht einer irren  Mörderin, einer Hochzeit, dem Reichstagsbrand 1933 und der wachsenden Unterwanderung des Staates durch die Nazis bis zu einem vergrabenen, aber verschwundenen Goldschatz ist alles dabei.

Die Stimmung des Romans, den ich als Hörbuch genossen habe (mit der wundervollen, angenehmen Stimme von David Nathan), ist ungewohnt düster, düsterer als bei Goldstein, die mir seinerzeit zugesetzt hat. Die Politik spielt in diesem Roman eine große Rolle, bis hinein ins Privatleben von Rath. Wegen des Reichstagsbrandes wird Rath zu der Politischen Polizei versetzt und darf erstmal Kommunisten am Wählen hindern, der Mordfall, den er gerade bearbeitete, bleibt dabei auf der Strecke und kommt erst wieder in Gang, als Ragt mit dem Budda beim Nazi-Polizeipräsidenten auftauchen und was von einem Mörder-Izze schwafeln. Rath Intimfeind, Böhm, verliert Amt und Würden, weil er auf einer SPD-Wahlveranstaltung war.  Charlys  Mutter ruiniert die Hochzeitsfeier im kleinen Kreis, weil sie eine Hittlerrede im Radio anhören möchte und den Österreicher anhimmelt, Charly selbst kündigt bei der WKP, weil sie mit der Ausrichtung nicht mehr klar kommt. Rath Freundschaft mit Graf geht in die Brüche, als er entdeckt, dass sein Kumpel nicht nur schwul ist, sondern auch mit einem SA-Mann vögelt.

Der Kriminalfall selber taucht da nur am Rande auf. Es geht um im WW I vergrabenen Gold, einem tot geglaubten, jüdischen Hauptmann, dem seine Männer eine explosive Todesfalle stellten und (Achtung, Spoiler) um den Templer, den Fuchs und den Raben, quasi die deutsche Variante des Antanztricks.

Das Hörbuch ist mit 20 Stunden lang und hat einen kleinen Hänger nach dem 2/3 des Romans, wenn der Mörder tot in der Spree schwimmt, nimmt aber wieder  dann wieder Schwung auf, als Gerion bewusst wird, was denn da für ein Spiel gespielt wird. Beim Finale hab ich an Indiana Jones denken müssen.

Wo ist nun der Mehrwert für Rollenspieler? Wiedereinmal in der Beschriebenen Stimmung. Völker Kutscher gelingt es einmal mehr, ein Land bzw. eine Stadt zu beschreiben, die auf den Abgrund zuläuft. Das wunderbar glitzernde Babylon der 20ger ist gestorben, der braune Sumpf beginnt zu blubbern. Insgesamt eine tolle Vorlage für Noir-Rollenspiele und chtulide Abenteuer.

Rezension: Die Akte Vaterland – Eine Mordserie, ein Indianer und ein paar Nazis

Ich habe grade den vierten Teil von Volker Kutschners Gereon-Rath-Krimireihe fertiggehört. Ja gehört, denn dieses mal habe ich mein adible-Abbo genutzt und mir das Hörbuch besorgt. Gesprochen wird das ganze von Davis Nathan, der eine sehr angenehme Stimme hat.

Die Geschichte spielt im Sommer 1932, kurz vor den Reichstagswahlen. Eine, nein eigentlich zwei Mordserien erschüttern Berlin. Bei der einen Serie handelt es sich um einen Scharfschützen, der mit großer Genauigkeit seine Opfer tötet und „das Phantom“ genannt wird, auf die andere Mordserie stoßen die Ermittler im Fahrstuhl des Haus Vaterlands.

Spoiler: Der Mörder ist näher, als alle sich träumen lassen!

Um die Morde aufzuklären, reist der Kommissar tief in die preußische Provinz, nach Treuburg und stößt dort auf einen Indianer, auf offen nationalsozialistische Tendenzen und einem Mord, der 12 Jahre zurückliegt und der der Schlüssel zu allen Morden des Buches ist. Natürlich (und das ist in meinen Augen die Schwachstelle des Buches) braucht Rath auch wieder die Hilfe des Unterweltbosses Marlow, der als Deus-Ex-Magina Rath den letzten Tipp gibt (den er zum lösen der Morde eigentlich nicht gebraucht hätte, da der Budda die Randinformation eh schon hatte und sie kurz darauf Rath unter dem Mantel der Verschwiegenheit mitteilt.

Insgesamt war die Akte Vaterland ein schöner Krimispaß. Mit etwas Arbeit könnte das ganze locker für ein Dedektiv

abenteuer herhalten, besonders für Rollenspieler, die auf den Charme der späten 20ger und frühen 30ger stehen. Die Geschichte lässt sich aber auch losgelöst von der politischen Ebene gut für Abenteuer verwenden. Apropos politische Ebene…  Nazis gibts in den Buch auch, aber irgendwie nicht so bedrohlich wie noch in Goldstein. Aber wer zwischen den Zeilen hört, merkt bald, dass sich eine Zeitenwende anbahnt!

Der nasse Fisch: Band 1 der Krimireihe, die zu Babylon Berlin wurde

Ich bin ja, wie schon mal geschrieben, ein Fan klassischer Krimis. Als solcher freue ich mich auf Babylon Berlin nächstes Jahr in der ARD. Ja, nächstes Jahr. Ich sehe es nicht ein, mir ein teures Sky-Abo oder Netflixabo zu besorgen, vor allem wenn ich schon ein Amazon-Prime-Abo habe.

Die Serie hat beides bekommen, Vorschusslorbeeren und schlechte Kritiken, vor allem die fehlende Motivation zum weitersehen wird kritisiert.

Die Bücher zur Serie scheinen dagegen diese Motivation zu haben, mehr noch, ich denke, ich habe meine neue Lieblingskrimireihe gefunden!

Der erste Band „Der nasse Fisch“ spielt im Berlin der beginnenden 30ger Jahren. Berlin dieser Tage scheint ein Moloch gewesen zu sein. Drogen, Prostitution, Armut, politische Unruhen (Kommunisten gegen SA), russische Flüchtlinge… kein Wunder, dass man sich „Babylon Berlin“ als internationalen Titel für die Verfilmung ausgesucht hat.

In der Geschichte geht es um Gedeon Rath, der gerade von Köln nach Berlin gezogen (besser, geflüchtet) ist und dort als Kommissar der Sitte beginnt. Ein Mordfall, in dem auch sein Vormieter verwickelt zu sein scheint, lässt ihn nicht mehr los und entwickelt sich zu einer veritablen Mordserie, in der auch Rechtsradikale und Kollegen mit drin hängen und in der es um einen versteckten Goldschatz geht.

Ich fand das Buch fesselnd, erfrischend, interessant. Ein muss für alle, die Call of Cthulhu oder ähnliches in den 30gern in Deutschland spielen. Ein muss für alle Freunde klassischer Noar-Geschichten. Und der nächste Teil kommt auf meine Weihnachtswunschliste, zusammen mit dem Soundtrack 🙂