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Karneval der Rollenspielerblogs: Religion – Woran glaubt der Troll

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, / und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, / empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, / gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, / hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, / aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; / von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. / Ich glaube an den Heiligen Geist, / die heilige katholische Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, / Vergebung der Sünden, / Auferstehung der Toten / und das ewige Leben. / Amen.

Credo der katholischen Kirche

Ich bin gläubiger Katholik. Ich weiß, dass es Gott gibt, denn ich selber wurde Gegenstand und Zeuge seiner Gnade.

Ich wurde mit einer Saugglocke auf die Welt gezogen (ich hatte wohl schon damals einen großen Kopf. Heute habe ich Hutgröße 60). Die Stelle, an der die Glocke angesetzt wurde, entzündete und Eiter bildete sich. Die Ärzte gaben mir damals eine Fifty-Fifty Chance. Entweder stürbe ich oder bliebe an Körper und Geist beeinträchtigt. Meine Mutter versprach damals, im Falle meiner Genesung, jedes Jahr nach Altötting zu pilgern. Nun, ich lebe, bin körperlich so fit wie man ohne regelmäßigen Sport so fit sein kann und ich würde nicht behaupten, dass ich geistig beeinträchtigt bin. Einzig eine Narbe am Kopf erinnert an diese Zeit. Meine Frau war übrigens entsetzt, als sie mir vor 17 Jahren zum ersten Mal durch meine damalige Lockenpracht fuhr und die Narbe ertastete. Ich hatte vergessen, sie vorzuwarnen, die Narbe gehört für mich zu meinem Körper und ist für mich absolut … normal.

Das Gelöbnis zur Gottesmutter wird von meinen Eltern immer noch eingehalten. Zur Schwarzen Madonna gibt es von meiner Seite der Familie aus noch einen weiteren Bezug: vor gut 70 Jahren verunglückte mein Großvater mit dem Traktor. Er kam von der Straße ab und stürzte eine Böschung hinunter. Der Traktor, ein Hanomag, überschlug sich ein paar Mal, schleuderte meinen Großvater auf die Wiese unterhalb der Böschung und kam einen Schritt vor ihm zu liegen. Er blieb, bis auf ein paar blaue Flecken, unverletzt. Damals stiftete er eine Votivtafel, die heute noch in der Gnadenkapelle hängt.

Im Gegensatz zu manch großem Künstler oder armen Ministranten erlebte ich Religion auch nie als Fessel, Bürde oder Gefängnis. Als Kind liebte ich die Maiandachten, die Prozessionen, das ganze feierliche und mystische der katholischen Kirche. Das befreiende Gefühl nach der Beichte, wenn man wusste, dass, egal welchen Scheiß man gebaut hatte, der Chef da oben verziehen hatte. Die Evangelien, besonders das von Zachäus, Lazarus, dem Hauptmann von Kafarnaum und dem mit Jesus im Tempel, wo er so richtig den Punk raushängen lässt und die ganzen Händler aus dem Tempel wirft (katholische Hybris: wenn wir in Altötting waren, gehörte ein Besuch bei den Devotionalienhändlern dazu, geweiht wird und wurde im Bruder Konrad und St. Magdalena im Halbstundentakt). Bei meiner Hochzeit war meiner Frau und mir die Ausgestaltung des Gottesdienstes wichtiger als das Festmahl im Anschluss (wir hatten extra Lieder gewählt, die unsere Gäste kannten und mitsingen konnten, ohne den ganzen Klassik-Klimborium, der damals so modern war). Heute gehe ich mit meiner Familie zum Gottesdienst. Der gehört für mich immer noch zum Sonntag, genauso wie ein Sonntagsbraten, dazu.

Mir ist durchaus klar, dass mein Heiliges Buch nicht unbedingt wörtlich genommen werden darf (sieben Tage vs. 4,5 Milliarden Jahre für die Schaffung der Erde), dass die religiösen Gesetze und Moralvorstellungen für eine patriarchalische, bronzezeitliche Kultur bestimmt waren und mit heutigen Vorstellungen nur schwer in Einklang zu bringen sind (man denke an die Homosexuellenrechte. Ich feiere ja innerlich die Ehe für alle ab und bejahe die Adoption durch gleichgeschlechtliche Ehepaare). Dennoch… für mich existiert Gott, ich glaube an ihn, ich glaube an Jesus, ich glaube an den Heiligen Geist und ich verehre die Gottesmutter und die Heiligen Florian, Sebastian, Hubertus, Eustachius, Kunigunde, Elisabeth, Barbara,….

 

Religion im Rollenspiel: Gibt es da einen Unterschied zum realen Leben?

Eine der Prämissen des diesmonatigen Karnevals war es ja, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Realität – in der ja behauptet wird, Gott sei tot – und diversen Fantasywelten, wo Götter als existent angesehen werden, wo Priester in deren Namen Wunder wirken (mit entsprechenden Geweihtenregeln) oder die Götter gar direkt in die Welt eingreifen.

Ich denke, die Prämisse hinkt, und zwar gewaltig. Denn für eine_n Gläubige_n in der Realwelt (Christ_in, Muslim_a, Judentum,  Hinduist_in…) existiert der jeweilige Gott, seine Priester_innen erbeten Wunder und erteilen Segnungen und ihr Gott greift aktiv ins Weltgeschehen ein (oder lässt es als Strafe bleiben). Gläubige in der Realwelt würden sich in einer Fantasywelt genauso verhalten. Es gibt sowohl in der Realwelt wie auch in einer Fantasywelt religiöse Extremisten_innen. Es gibt in beiden Welten das Böse, dem man, wenn man verderbt genug ist, auch huldigen kann, sogar durch Mord (und in beiden Welten muss man die Konsequenzen tragen, sei es Gefängnis oder eine Helden_innengruppe, die einen den Gar ausmacht). In beiden Welten erfahren Gläubige Wunder, Entrückung und die Nähe ihrer Gottheit. In beiden Welten erfahren sie auch Enttäuschung, Gottesferne und fallen vom Glauben ab. Der Unterschied zwischen Realwelt und Fantasywelt ist nur, dass im Fantasyrollenspiel ein Spieler-in einen Charakter in einer Fantasywelt spielt und dafür die Regeln des Rollenspielsystems nutzt.

 

Ich glaube nicht an die Zwölfe! – Atheismus im Rollenspiel

Was ist mit den Atheisten in Fantasywelten? Meiner Meinung nach genau das gleiche wie mit den Gläubigen, mit ein, zwei Besonderheiten. Zunächst… ich habe nichts gegen Atheisten_innen. Ich verstehe, dass man Gott aus logisch-wissenschaftlichen, geschichtlichen, philosophischen oder persönlichen Gründen ablehnt. Ich versteh auch, dass man sich mit Gläubigen darüber streitet, sie für Deppen, gefährliche Fanatiker_innen oder, im besten Fall, für Schafe hält. Damit kann ich leben. Die müssen halt damit leben, dass ich sie für Deppen, Fanatiker_innen oder bestenfalls verlorene Seelen halte und über meinen Glauben rede.

Atheisten_innen in einer Fantasywelt haben es genauso schwer wie die Atheisten_innen von der Antike bis ins 21. Jahrhundert. Sie werden von den jeweiligen Gläubigen für ihre Ideen angefeindet, verfolgt und getötet. Unglücke werden ihnen angelastet und wenns einen von Ihnen erwischt, wünscht man demjenigen viel Spaß mit dem Teufel und einer Annanas in den feurigen Tiefen (siebter Kreis) der Hölle. Es gibt jedoch Unterschiede zwischen Atheisten im Realleben und Rollenspiel.

  • Für den Spieler ist Atheismus im Rollenspiel nicht nachvollziehbar. Der_die Spieler_in kennt die Regeln der Welt. Er weiß, wenn sein Charakter an diesen Gott glaubt und dessen Geboten folgt, erhält er diese Vorteile, wenn er jenen Gott glaubt, jene Vorteile, wenn er gar mit dem Bösen paktiert, diese schwarzen Gaben. Für eine_n Spieler_in macht es gar keinen Sinn, jemanden zu spielen, der aus philosophischen Gründen alle Götter einer Fantasywelt ablehnt. Dafür gibt es keine Boni, manchmal gibt es dafür sogar Mali.
  • In den meisten Fantasywelten gibt es Magie, die ähnliche Wirkung wie göttliche Wunder erzielt. In DSA5 wurden sogar die Geweihtenregeln den Magieregeln angepasst. Warum also eine_n Atheisten_in spielen, wenn ich auch eine_n egozentrischen, narzisstischen Magier_in spielen kann, der_die sich gegen die Gebote einer Religion aufbäumt, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, sie seiner persönlichen Freiheit zuwider laufen oder ihn in der Forschung einschränken?

 

Religion im Rollenspiel – Fazit

Ich glaube, dass die Prämisse, Religion, Glaube und Atheismus im Rollenspiel unterscheide sich von der Realwelt, weil die Charaktäre wissen, dass es die Götter gibt, zumindest für in der Realwelt gläubige Spieler_innen nicht zutrifft. Gläubige Spieler_innen können ihre Realwelt-Erfahrung is Rollenspiel hineinnehmen und auf noch so obskure und fremde Götzen übertragen. Ich als Meister merke es am Metaphern, die ich im Rollenspiel vor allem mit Neulingen nutze: Da vergleiche ich schon mal die Stadt des Lichts mit dem Vatikan und die Spieler_innen können mit diesem Bild etwas anfangen.

Für alle nichtgläubigen Spieler_innen hätte ich da noch einen Tipp für die nächste Kampagne, in der Religion eine Rolle spielt: Geht in ein Gotteshaus eurer Wahl. Geht dann hin, wenn gerade kultische Handlungen (vulgo: Gottesdienst) durchgeführt werden und schaut euch die Leute an. Wer sitzt da? Warum sitzt die Person da, was macht sie? Was macht der Priester? Wie alt ist er und was mag ihn zu seiner Berufung geführt haben (Bonus für die Besucher_innen eines katholischen Gottesdienst: Könnte ich mein Leben ausschließlich einem Gott weihen und auf Sexualität verzichten? Auf Familie?)? Besucht Ausstellungen zum Thema Sakralkunst und überlegt, was die Menschen von 100, 200, 1000 Jahren gebracht hat, Statuen zu Schnitzen, viel Geld für Sakralbauten zu sammeln und noch mehr Zeit als heute auf den Knien zu verbringen. Wenn du Antworten für diese Fragen gefunden hast, dann kannst du ermessen, was Religion in einer Welt bedeuten mag, in der tatsächlich ab und an mal ein Drache übers Dorf fliegt oder ein Kraken im Auftrag eines Gottes eine Stadt terrorisiert.

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Der Winter naht… und dieser Post hat fast nichts mit GoT zu tun

… den dieser Post ist eigentlich eine Buchbesprechung. Es geht um Die Welt aus den Angeln: Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart“. Auf dieses Buch bin ich bei meinen örtlichen Buchhändler gestoßen und der Klappentext hat mich sofort gefangen. In dem Buch wird die These vertreten, dass die kleine Eiszeit (die hier auf einen Zeitraum von etwa 1446 bis 1700 eingegrenzt wird) grundlegend für die kulturelle Entwicklung Europas war. Die Eiszeit löste, nach Meinung des Autors, eine Nahrungskriese aus, die zur Einkommenskriese beim Adel führte, was wiederum zur Entwicklung des Merkantilismus führte und zur Emanzipation der Städte und zum Humanismus und Atheismus.

Der erste Teil des Buches war noch interessant. Hier wurden historische Quellen bemüht. Die Zitate sing toll und entführen in die Gedankenwelt jener Protagonisten, für die der damalige Klimawandel der Vorbote der Apokalypse war.  Der zweite Teil des Buches war für mich nicht soll interessant. Hier wird das Leben einiger (jüdischstämmigen, niederländischen) Philosophen jener Zeit nachgezeichnet, den letzten Teil des Buches, ein kurzer Kommentar zum aktuellen Klimawandel hab ich nur kurz überflogen.

Mein Fazit: Das Büchlein kann man lesen, muss es aber nicht.

Aber… man kann das Buch als Ausgangspunkt für eigene Recherchen nutzen!

Als ich mich in die Recherce zu diesem Artikel gestürzt habe, meinte ich, das ich damit nach ein, zwei Stunden gewiss fertig wäre. Pustekuchen. Das Feld ist RIESIG! Also so wirklich RIESIG!

Beim Lesen des Buches kam mir der Gedanke, mal bei Adam Smiths Wohlstand der Nationen reinzuschauen. Good old Smithy hat, neben der Tatsache dass er so nebenbei die VWL erfunden hat, in seinem Wälzer eine interessante Sache gemacht. Im Ersten Buch, so ab S. 334 von 1204, hat er eine Tabelle mit Getreidepreisen für ein Quarter (2,91 hl Getreide), beginnend 1359 bis 1768. Das Tolle daran ist, dass sich Smithy die mühe gemacht hat, Durchschittspreise je Jahr zu bilden und die Preise auf seine damals aktuellen Pfund umzurechnen. Damit ist die Inflation aufgrund von Silberverknappung in den Münzen weg, auch die Silberschwemme der Kleinen Eiszeit (Silber aus Südamerika kam über Spanien auf den Markt und hat Spanien nebenbei ruiniert. Die heimliche, langsame Rache der Inkas) ist damit draußen. Kurz auf Wikipedia geschaut, wann dort Hungersnöte waren… aha… nehmen wir die in der Mitte, 1693 und 1694. Die tobte damals Hauptsächlich in Frankreich, und in ihrem Gefolge kam es zu einer Typhus-Epedemie, aber die Auswirkungen waren auch jenseits des Kanals zu spüren.

  • 1691: 1 £ 14 s. Je Quater zu 9 Bushel
  • 1692: 2 £ 6 s. 8 d.
  • 1693: 3 £ 7 s. 8 d.
  • 1694: 3 £ 4 s.
  • 1695: 2 £ 14 s.

1 £ = 20 s. (Schilling), 1 s. = 12 d. (Pence) Hab ich schon gesagt, wie sehr ich das metrische System liebe?

So, und wieviel ist das in heutigen Geld? Diese Frage ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Die Kaufkraft von Währungen wird heute anhand von Warenkörben berechnet, die sich im Laufe der Jahrzehnte verändern. Aber es gibt da in der House of Common Libary online ein Dokument, das beim umrechnen hilft. Wie gesagt, Smithy hat dafür gesorgt, dass wir uns um Inflation keine Gedanken machen. Die Umrechnungstabelle selbst geht bis 2011, das müsste uns hier reichen.

1750 Preisindex 5,1, 2011 Preisindex 927,9 => 927,9-5,1 = 922,8. Das bedeutet, ein £ aus dem Jahr 1750 hätte 2011 genauso viel Kaufkraft wie 922,8 £.

Der Preisanstieg von 1692 auf 1693 war 1£ und 1 s. oder 1,05 £. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse ware das so, als wenn der Preis für Getreide je Quater um 968,94 £ steigen würde (Umgerechnet wäre das etwa 1161 €)! Hunzu kommt, etwa 80%+ der Bevölkerung arbeiteten in der Landwirtschaft, ein Korn brachte etwa 4 Körner Ertrag, wenn es gepflanzt wurde (laut meinem Schwiegervater peilt er einen Ertrag von 1:40 an),  je ha Land waren 10 Arbeitskräfte nötig, um es optimal zu bestellen und lange Zeit wurden Abgaben an die Landesherren in Naturalien bezahlt und zwar so, dass ein großerer Etrag durch den Einsatz neuer Techniken (Düngung, Ochsen und Pferdepflug aus Eisen…) keinen Nutzen für den Bauern brachte (also nicht angewannt wurden).

Noch eine Kleinigkeit… die Baiern waren früher (bis etwa 1600) begeisterte Weintrinker/Weinbauern. Die Römer hatten ihn mitgebracht, die Urbevölkerung begeistert gesoffen. Ab der Kleinen Eiszeit wurde aber der Tropfen immer öfter so sauer, dass er kaum genießbar war. Der Siegeszug des Biers begann und viele Weinanbaugebiete (u.a. in Südschweden) verschwanden. Heute forscht man in Franken wieder mit Mittelalterlichen, heimischen Sorten, da die in wärmeren Klima besser Gedein und besseren Wein liefern.

Wärend der Kleinen Eiszeit tobte in Deutschland zudem noch der Dreißigjährige Krieg. Ich hab mal in der Chronik meines Heimatortes geschmökert: von 1632 bis Sept. 1634 konnten wegen Feinden im Land keine Hochzeiten, Taufen oder ordungsgemäße Beerdigungen durchgeführt werden. Für gläubige Christen ist das der absulute Horror. Das bedeutet in modern soviel wie kein Fernseher, kein Internet, Kein Mobifunk. 1649 wütete bei uns die Pest. 1688 gab es die erste Firmung seit langem. Das sakrament der Firmung ist insofern wichtig, weil damit die Gemeindemitgileder nach Kirchenrecht nicht mehr als Kinder, sondern als vollwertige Mitglieder galten (und dann Heiraten durften).1713 kam es zu einer Hungersnot, ein Scheffel Korn kostete 30 fl. (Gulden), der bessere Weizen gar 40 fl. Schneefall im Apfil 1726, und zwar so viel, „dass machmal in 2 bis 3 Wintern zusammenkommen“. Auf der Donau gab es Eisgang und Eisfuhrten. Es kam in Folge zu einer Missernte, weil die meisten Sämereien erfrohren. Am niederschmetternsten ist es, wenn der Cronist (ein Priester) schreibt, dass die Gebete der Gemeinde nicht viel geholfen hätten, es zwar im Dorf zumindest den halben normalen Ertrag gab, aber von Straubing bis Deggendorf runter das Getreide nicht keimte. Im Fogejahr sind dann, um Einstreu für die Tiere zu haben, die Scheunen, welche mit Stroh gedeckt waren, abgedeckt worden.

Es ist ein Schnitter / heist der Tod

hat Gwalt vom höchsten Gott.

Heut wetzt er das Messer:

es schneid schon viel besser:

bald wird er drein schneiden:

wir müssens nur leiden:

hüte dich schöns Böümelen.

[…]

O König / O Kayser / o Fürst und Herr /

förcht euch auch fürm Schnitter sehr:

der Hertzen Betrüber /

je länger  je lieber /

macht alles herunter /

thut keinem besonder.

Hüte dich schöns Blümelein.

Quelle: Bairisches Poeticum: Mundartgedichte aus zwölf Jahrhunderten von meinem Kollegen Peter Kasper. Schnitterlied, Unbekannter Autor, 1637 (mittem im Dreißigjährigem Krieg)

Wers nicht ganz so vergangen haben möchte… 1816/1817 gab es in Europa noch einmal eine große Kontinentübergreifende Hungersnot, das Jahr ohne Sommer. In meiner Heimatzeitung gab es vergangenen Feitag einen interessanten Artikel darüber: Normalerweise sollten wärend einer Landwirtschaftsschau, aus der sich deas Gäubodenvolksfest entwickelte (dringend vorbeischauen, läuft noch bis Mo Abend!), ein Wettlaufen stattfinden. 1816 musste das ausfallen, weil die Teilenhmer zu schwach zum Laufen waren und ein Wettkriechen den Organisatoren bestimmt nicht gefallen hätte. 1817 wurde die Draisine (sprich, das Fahrrad) erfunden und schon zwei Jahre später für der erste Straubinger damit den Stadtplatz rauf und runter.

Aber lieber Toll, was bedeutet das fürs Rollenspiel, immerhin bist Du ja ein Rollenspielblog!?

Verdamme viel, viel mehr als uns Rollenspieler bewusst ist. Ich möchte meine Gedanken hierzu an ein paar wichtigen Thesen festmachen.

1) Die Kleine Eiszeit hat unser Bild vom Winter bis heute beeinflusst.

Woran denkt ihr bei diesen Bildern?

 

Weiße Weihnachten? Winter Wonderland? Idylle? Beide Maler wurden während der kleinen Eiszeit geboren, Avercamp erlebte als Kind sogar eine der kältesten Perioden mit, Und diese Bilder haben dazu beigetragen, dass sich bei uns ein gewisses Bild vom Winter, eine gewisse Erwartung eingeschlichen hat, Wir wollen weiße Weihnacht, obwohl wir wissen, das die statistische Chance dafür München bei nur 30% liegt und Hamburg nur bei 15% (wir sprechen hier von einem cm Schnee, nicht mal genug für einen Mini-mini-Schneemann). Während der Kleinen Eiszeit gefror mehrmals die Themse komplett zu. Während der Kleinen Eiszeit formte sich in Russland das Zarenreich (von Ivan den Schrecklichen bis Peter den Großen, incl. Kirchenspaltung, Reichskriesen, Dynastiewechse und drei Pseudodimitris), was unser Russlandbild mit beeinflusst hat (Scherbenwelt, ich blicke auf Dich). Hell, selbst GOT greift Aspekte der Kleinen Eiszeit auf. Beispiel gefällig? In der laufenden Staffel treffen  Sandor Clegane mit Beric Donadarrion und der Bruderschaft ohne Banner auf eine Heruntergekommen Hütte und suchen dort nach Bier und Lebensmittel. Clegane hatte ja die Hütte schob früher aufgesucht und weiß, dass da nichts zu holen ist. Er bemerkt als einziger der Bruderschaft die Toten in der Ecke (den Vater, der, bevor er verhungerte, seine kleine Tochter umbrachte) und erinnert an das Leid der kleinen Leute. Er erweist den Toten den letzten Dienst und zeigt auch Torus von Myr die Folgen und Grenzen seines Handelns auf. Für mich war das eine der stärksten Szenen der gesamten Serie.

Allerdings muss ich auch zugeben, dass diese kulturelle Prägung durch die Kleine Eiszeit langsam nachlässt, und zwar mit jedem Grad, mit dem das Klima wärmer wird. Momentan ErLeben wir einen Kulturkampf der Paradigmen, ähnlich jenem Kulturkampf, der im Buch beschrieben wird. Die Wissenschaftler, denen klar ist, dass sich das Klima ändert und dass der Mensch dafür mitverantwortlich ist (das entspricht den damaligen Philosophen, Humanisten und Atheisten) und jenen, die den Klimawandel für Fake News halten oder wenn sie ihn anerkennen, zumindest die Verantwortung des Menschen daran leugnen (Adel und meine kath. Kirche). Wird spannend, diesen Kampf zu verfolgen. Im Hinspiel hat ja die konservative Seite verloren, fürs Rückspiel siehts nicht besser aus.

 

2) Ein Teil der Rollenspiele spielt in einer Welt, die selber gerade eine kleine Eiszeit erlebt bzw. erlebt hat.

Nehmen wir ein paar Perlen aus dem Pool der Rollenspiele heraus: Scherbenlande und DSA.

Das Scherbenlande-Setting ist ein von der russischen Geschichte angehauchtes Setting. Das ist per Definition schon mal schattig, was das Klima angeht. Die Spieler übernehmen die Rolle von sogenannten Wölfen, die im Dienste des Zaren allerlei Gefahren für das Reich beseitigen und Verschwörungen aufdecken sollen. Das hört sich für mich stark nach den Opritschniki an, jener Terrorgruppe, die mit einem Besen (zum Auskehren der Feine) und einem Hunskopf (als Zeichen der Treue) als Feldzeichen ausgestattet waren und für den Zaren die Drecksarbeit erledigten. Auch die Kirchenspaltung spiegelt reale Ereignisse wieder. Wir haben hier also ein waschechtes Kleine-Eiszeit-Setting

Aventurien wiederum ist grade aus einer (magischen, dämonisch verursachten) Eiszeit raus. Die begann durch die Splitterträgein Glorania im Nordosten des Kontinents am 30 Firun 1019 BF  und dauerte bis 1027 bzw 1033 (je nachdem, ob das Tauen von Paavi oder der Tod der Eishexe als Enddatum genommen wird), also mindestens acht Jahre ohne Frühling. Da kommt man so langsam in GoT-Dimensionen… Leider hatte man hier das Potential einer Eiszeit in Aventurien nicht voll ausgenutzt. Dazu aber gleich mehr.

 

3) Die Rollenspiele versagen dabei, die Aspekte einer Eiszeit in Abenteurer einzubauen.

Was macht eine Eiszeit aus? Klar: Kälte. Zumindest in DSA4.1 gab es Regeln zu Erfrierungen und Kälteschutz. Das heißt, diesen Aspekt bekommt man noch einigermaßen Abgebildet.

Von oben wissen wir, dass Hunger ebenfalls ein Aspekt der Eiszeit ist. Außer bei „Unter Piraten“ ist mir noch kein Abenteuer untergekommen, in dem Nahrungsmittelknappheit und Hunger eine Rolle spielen. Ich hab da zwar mal das Körpergewicht als eine Art Sidequest in „Die Augen der Lath“ eingebaut, aber auch hier war nicht Hunger das Motiv, sondern eher das Gegenteil. Missernten. Eint Teilaspet von Hunger und etwas, was mir in den 10 Jahren Gloranien in der lebendigen Geschichte Aventuriens gefehlt hat. So ein riesengroßes Gebiet permanant vereist müsste normalerweise das Wetter zumindest des Bornlandes ordentlich durcheinandergewirbelt haben und zu etlichen Ernteausfällen führen.

Auch der Aspekt der Pestilenz kommt im Rollenspeil etwas zu kurz. Die Gleichung hierfür lautet: Eis => Hunger => schwachen Abwehrkräften => Pestilienzen. Nicht umsonst brach auch wärend und kurz nach der Kleinen Eiszeit die Pest wieder aus.Zumindest in DSA wurde das mit dem Ausbruch der Blauen Keuche in Nostria angedacht, leider nur als Botenartikel. Das wäre doch eine super Kulisse für ein Survival-Horror-Abenteuer gewesen. Aber dann bitte ohne die Möglichkeit, die Pestilenz wie im Herrn der Ratten zu stoppen. Pest quasi als ständige Gefahr im Hintergrund und nicht als Endboss.

Dann bleibt da noch Revolution/Krieg. Im eingangs erwähnten Buch steht, dass die Kleine Eiszeit viele gesellschaftliche Umwälzungen getriggert hat. Luther, Bauernaufstände, Wiedertäufer (z.B. in Münster, hier empfehle ich den ziemlich guten Wilsberg-Roman dazu), Merkantilismus, Absulutismus, Kriege… Damit kommen Fantasy-Rollenspiele in der Regel sehr gut klar, das sind auch die sichbaren Veränderungen in GoT, da gibt es Material dazu und vor allem, da gibt es Historische Beispiele, bei denen man abkupfern kann.

Was fehlt, ist ein Abenteuer/Kampange, die die Atribute der Eiszeit verknupft. Warscheinlich ist der Grund dafür, dass die Spieler hier durch ihre Helden weniger einfluss auf das Geschehen haben sondern zu (Mit)Gefangenen im Eis werden.

 

Update: Fehler behoben 11:07 Uhr 16.08.2016